Nicht mehr lange, dann ist es wieder soweit: Der nächste Prüfungszeitraum steht vor der Tür. Wollemanereilasse? Freilich! Denn wie jedes Mal, so wird auch in diesem Spätsommer wieder eine ganze Menge Spaß dabeisein. Wie Sie es NOCH besser machen können als sonst, will dieser kleine Ratgeber, erstellt von den Menschen auf der anderen Seite des Tisches, zeigen:
(2) Vermitteln Sie in der Vorbesprechung noch mal schnell den Stoff von mindestens vier Semestern, möglichst in weniger als einer halben Stunde - die meisten Studenten sind akustische Lerner. Verteilen Sie deshalb auch keine Zusammenfassungen, leugnen Sie die Existenz von Fragenkatalogen und verweisen Sie keinesfalls auf hilfreiche Literatur. Falls man Sie zwingt - nennen Sie ein längst vergriffenes Werk von 1642, DAAAAAA steht alles drin.
(3) Bereiten Sie sich nicht auf die Vorbesprechung vor. Zeigen Sie den Studenten, daß auch Sie aus dem Stegreif arbeiten können. Ein schüchternes "Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich hier soll..." schafft sofort Vertrauen und Sympathie. Daß Sie in den folgenden Minuten dennoch Ihren gesamten Stoff präsentieren können, schafft ungeheuren Respekt.
(4) Niemals dürfen Sie Ihr teuerstes Geheimnis verraten: Den wirklichen Prüfungsstoff! Sagen Sie einfach: "Ich prüfe noch zwei Jahre lang den Stoff meines Vorgängers", obwohl Sie längst das ganze Gegenteil vorbereitet haben. Nie werden Sie die Gesichtsausdrücke der Prüflinge in der Prüfung vergessen. Zu schade, daß Sie die fragenden Mienen nicht fotografieren dürfen.
(5) Das beliebte Frage- und Antwortspiel zum Ende der Vorbesprechung - die Achillesferse Ihrer Vorstellung! Nichts ist schlimmer als unbequeme Fragen, auf die Sie auch noch antworten müssen. Wollen Sie diese vermeiden, dann gehen Sie folgendermaßen vor: Fragen Sie "Hat jetzt noch jemand Fragen?", in einem Tonfall, der praktisch keine andere Antwort als "Nein" zuläßt. Falls dann doch jemand fragt, geben Sie ihm das Gefühl, als wäre seine Frage die Dümmste, die Sie jemals gehört haben. Eine Antwort wie "Aber das habe ich doch vorhin erklärt!" hemmt jede Nachfrage, und Sie kommen schneller nach Hause.
(2) Ein beliebtes Mittel zum Verfeinern von Klausuren sind komplexe Rechenaufgaben. Geben Sie Ihren Prüflingen ein verzwicktes geometrisches Problem und seien Sie gespannt auf die Lösungen. Es ist ja nicht so wichtig, daß Sie in Ihren Vorlesungen niemals erzählt haben, wie man so was macht; auch die Kreativität der Studenten will geprüft sein.
(3) Zeit ist Geld! Und da Studenten schon kein Geld haben, brauchen Sie folglich auch keine Zeit. Für die Klausur sind vier Stunden vorgesehen? Stellen Sie Aufgaben für eine Woche. Schließlich müssen die wackeren Kandidaten ja später auch unter Druck arbeiten. Geben Sie vor der Klausur auch ruhig bekannt, daß man gar nicht alles schaffen kann; das nimmt den Druck ungeheuer!
(2) Spielen Sie den Desinteressierten. Beschäftigen Sie sich mit etwas völlig anderem, während der Prüfling schwitzend und stammelnd sein Bestes gibt. Starren Sie Löcher in die Luft, schreiben Sie mit düsterer Miene etwas auf oder machen Sie komische Geräusche. Zeigen Sie dem Prüfling, daß SIE hier das Sagen haben. Immerhin könnten Sie sich tausend schönere Sachen vorstellen, als hier in der Prüfung zu sitzen, oder?
(3) Sie prüfen den Stoff von sieben Semestern? Egal, ein einziges Thema pro Prüfung genügt. Schließlich haben Sie keine Lust, den ganzen großen Bereich Ihres Faches abzuklabastern, und immerhin läßt sich fast jedes Thema bis zur Unkenntlichkeit breitwalzen. Wen schert es, daß immer wieder Prüflinge dabei sind, die vielleicht jedes andere, aber ausgerechnet dieses Thema nicht beherrschen? Sie können sich ja schließlich nicht um jeden kümmern!
(4) Lassen Sie nicht locker! Es kann nicht sein, daß ein Kandidat etwas nicht weiß, er will es Ihnen bloß nicht verraten! Drängen Sie ihn also in die Enge, bohren Sie, lassen Sie ihn schwitzen, solange bis die ersehnte Antwort endlich kommt. Und wenn Sie nun doch nicht kommt? Dann bleiben Ihnen immer noch die Mittel gemäß §4!
(5) Fragen Sie die tollsten Sachen! "Warum wollen die Norweger nicht in die EU?" Klingt wie eine Scherzfrage, gell? Seien Sie gespannt auf die grandiosen Antworten, die man Ihnen anbieten wird. Unser Vorschlag wäre "Weil die Norweger gescheiter sind als wir", aber Sie kennen sicherlich NOCH bessere Antworten.
(2) Eigentlich ist es wurscht, wie gut der Prüfling vorbereitet war - benoten Sie einfach etwas anderes! Aufregung, Transpiration und leichtes Stottern gibt mindestens eine volle Note Abzug, Freiversuchskandidaten gibt man generell nichts Besseres als eine schlappe Drei. Immerhin können Sie nicht dulden, daß jemand schon beim ersten Versuch zufrieden nach Hause geht; nur eine wahrlich erkämpfte Note ist eine gute Note!
(3) Lassen Sie niemals mit sich handeln, auch wenn der Kandidat noch so gute Argumente hat. Sie sind hier an der Uni, nicht auf dem Basar!
Diese Ratschläge werden seit Jahren konsequent befolgt. Mit wachsendem Erfolg, denn immer mehr Prüflinge sind so eingeschüchtert, daß sie zur Prüfung erst gar nicht erscheinen. Das gibt Ihnen Gelegenheit, die mangelnde Moral unter den Studenten anzuprangern. SIE wissen: Prüfungen sind etwa Gutes und nix für Feiglinge. In diesem Sinne wünschen wir einen schönen Prüfungszeitraum und ziehen uns nun wieder zum Lernen zurück...
anOnymOuse