"Geodäsie heißt das, äh, sagen wir lieber, ich studiere Verwesungsmessen..." Diese oder eine ähnlich dämliche Antwort darf ich seit kurzem geben, wenn man mich fragt, womit ich denn so meine Zeit totschlage. Doch halt - mit dieser Formulierung werde ich den Strapazen wohl kaum gerecht, denen ich mich mit der mehr oder weniger wohlüberlegten Immatrikulation vor einem halben Jahr hingegeben habe! Doch beginnen wir weiter vorn...
Montag, 9. Oktober 1995, früher Morgen. Sacht schlaftrunken und ziemlich gespannt erreiche ich die Straßenbahnhaltestelle am Schneiderberg. Schon seltsam - weit und breit kein Berg, der Anlaß für diese obskure Namensgebung hätte sein können! Merken: Beim Nivellieren unbedingt aufpassen; wer weiß, was die mir hier noch unterjubeln wollen...
Das Abenteuer nimmt seinen Lauf. Ich betrete einen ziemlich hübschen Backsteinbau und stehe unvermittelt vor einem gigantischen Treckerreifen. Ich stutze. Wird man hier nach vergeigten Klausuren etwa noch gerädert? Schon etwas zögerlicher erklimme ich die Treppe in den ersten Stock und finde ein erstes Hinweisschild vor: Meßdach und Lokus rechts, Jordanhörsaal links. Nun gut, das Klo kann ich mir später immer noch anschauen, mal sehen, ob man da hinten tatsächlich bis nach Israel horchen kann. (Kann man nicht, finde ich später heraus, alles Betrug!) Ich laufe vorbei an allerhand Schaukästen mit Dingen, deren Wichtigkeit sich mir nicht so recht erschließen will, passiere Türschilder mit kryptischen Namenszusätzen und erreiche schließlich den Raum N247, den ich leer vorfinde, obwohl ich eigentlich mit einem bescheidenen Begrüßungskomitee gerechnet hatte. Dafür begegnen mir immer mehr Gestalten, die nicht minder desorientiert ausschauen als ich und somit offenbar auch hier studieren möchten. Erst als die Menschenmenge nicht mehr auf den Flur paßt, betritt man zweifelnd den Saal und nimmt Platz. Wenig später geht es dann tatsächlich los: Vor mich und meine künftigen Leidensgenossen tritt ein Mann hin, der uns mit wenig Pathos begrüßt und einiges erzählt, alsbald das Wort an andere Herren abgibt, die anscheinend noch mal das selbe erzählen, und schließlich reicht man den gesamten Haufen weiter an einen Trupp Drittsemester, die uns in überschaubaren Grüppchen bis zur vollkommenen Orientierungslosigkeit umherführen (hier ist die Mensa, hier hätten wir den AStA - müssen wir jetzt nicht 'rein -, hier sitzen die Mathefritzen und korrigieren, das ist der AudiMax, das da nennt man Feuerlöscher, hier kannste was essen, da ist ein Lokus, hier wohnt derundder, bald kennt Ihr Euch hier aus, ja, klar...) und zumindest anreißen können, was mich hier erwarten wird. (Mathe, Mathe habt Ihr recht viel, außerdem auch Mathe, zwischendurch auch mal Mathe, dann mal wieder Mathe, und jeden zweiten Montag ist Quicky. - Sehr schön, ich stehe ja so auf Abwechslung!)
Nach diesem ersten Tag habe ich den vollen Durchblick, nur ist mir entfallen, was ich doch gleich studieren wollte. Egal, nicht aufgeben, erst mal wieder hinfahren. Immerhin ergeben verhaltene Rückfragen, daß ich nicht der einzige bin, der überhaupt keinen Plan hat. Das tröstet mich doch zumindest so weit, daß ich für ein weiteres Abenteuer bereit bin: am Mittwoch betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Mensa. Bewaffnet mit einem grünlichen Faltblatt und einem orangen Pappkärtchen arbeite ich mich todesmutig zwei Etagen aufwärts und bekomme ein Plastetablett mit Gyros in die Hand gedrückt, mit dem ich mich in einen nicht einsehbaren Winkel des Gebäudes begebe - sicher ist sicher. Der erste Bissen läßt mich aufschrecken - DAS soll Mensaessen sein?? Das schmeckt ja super! Die Freude über diese Entdeckung macht mir wieder Mut, und ich finde alsbald weitere Details heraus: Das Besteck zum Beispiel ist magnetisch und weist stets in Richtung des leckersten Menüs. - Genial! Ich hatte die Leute hier glatt unterschätzt. (Ich hatte aber auch das Essen selbst unterschätzt; seit Oktober habe ich sechs Kilo zugenommen...)
Die Zeit schreitet voran, man lehrt mich Dinge, von denen ich noch nie gehört habe, es folgen die ersten Quickies, aus dem inhomogenen Klump von Leuten werden einzelne Grüppchen, Gruppen und Meßgruppen, und schließlich läßt man uns zum ersten Mal tatsächlich vermessen. Die Absteckung im Georgengarten gewinnt an Originalität, als ein Hund unsere achtlos in den Boden gesteckten Zählnadeln für seine Zwecke mißbraucht, doch kann mich die eigentliche Aufgabe - einen unsinnigen Bauplatz in einer netten Parklandschaft zu plazieren - nach zwei Jahren Ausbildung nicht so sehr beeindrucken. Da wird es schon mehr brauchen, aber man hat noch ein paar Dinge parat, so etwa: "Den Ramsdenschen Kreis auf einem Blatt Papier scharf abbilden und den Durchmesser mit der Meßlupe messen." (Zitat Aufgabenblatt 3. Übung) Erstens: Was ist der Ramsdensche Kreis? Zweitens: Wenn wir das wissen: Wie sollen wir ihn mit den funzeligen Meßdachlatüchten auf ein Blatt Papier bekommen? Drittens: Falls wir es doch schaffen sollten: Wie kann man ihn ausmessen, ohne sich einen Bandscheibenvorfall einzuhandeln? - Diese Übung führt zu einigen bemerkenswerten Verrenkungen und ist sicher für unseren weiteren Berufsweg unverzichtbar, doch besitze ich ein Foto, auf dem der Übungsleiter höchstpersönlich verzweifelt an der Meßlupe herumbastelt und kein scharfes Bild erhält. - Später stellte sich heraus, daß man sie andersherum hält...
Man scheucht uns durch ein Informatikkolloquium (Drei Tage vor der Abgabe sollte man zur Sicherheit einen Schlafsack mit in den Cip-Pool nehmen, man verweilt dort ein wenig länger, bevor etwas frei wird!) und eine Rechtklausur (In meinem Fall notierte man die Fehler statt der Punkte und ließ mich zwei Wochen lang im Glauben, ich müßte den Krempel noch mal mitmachen...) und gewährt uns schließlich zwei wohlverdiente Ferienmonate. - Genügend Zeit, um zu resümieren...
Das erste Semester wäre also geschafft, (Bleiben noch mindestens wie viele?) das zweite ist in vollem Gange und bescherte uns bereits einiges an Arbeit. Ich kenne mich mittlerweile tatsächlich aus (orientierungstechnisch zumindest), war trotzdem noch nicht beim AStA 'drin und muß feststellen, daß ich mich hier ziemlich wohl fühle. Auch wenn man einiges mit Humor nehmen muß, so ist doch zumindest das Klima überaus familiär; Doktoren, Professoren und andere Dozenten erweisen sich in den meisten Fällen als menschlich und fair und leisten so einen großen Beitrag zur allgemeinen Motivation. - Ich habe von anderen Fachrichtungen und Unis ganz andere Dinge gehört... Als ich im Oktober 1991 während der Hochschulinformationstage einen ersten Blick in diese Sphären warf, beschloß ich definitiv, nie im Leben zu studieren. Wie ich dennoch hierher kam, weiß ich nicht so genau, aber wo ich schon mal hier bin, bleibe ich auch...
Lars Ostermeyer, VT, 2. Semester