Geschafft! Ich bin durch! Nach knapp zehn Semestern habe ich es tatsächlich geschafft und darf mich von nun an Diplom-Ingenieur nennen. Welch Erfolg! Welche Ehre! Welch Wissen, das ich mir da angeeignet habe!
Äääääh, habe ich?
Nunmehr erwartet mich das Arbeitsleben, und ich darf feststellen, daß ich trotz dieser fünf durchstudierten Jahre die meisten Stellenanzeigen gar nicht erst bis zum Ende durchzulesen brauche, denn vieles von dem, was da gefordert wird, kann ich sowieso nicht! Kenntnisse über Datenbanken, Erfahrungen mit unterschiedlichster GIS-Software, objektorientiertes Programmieren - alles Dinge, mit denen ich nicht dienen kann, tut mir leid. Wo also soll ich mich bewerben? Vielleicht bei der Uni Hannover, denn da falle ich mit diesem Defizit gar nicht so sehr auf!
So wie ich das sehe, hat man mich also glatt am Arbeitsmarkt vorbei ausgebildet, und ich frage mich natürlich, wie es dazu kommen konnte. Kann es vielleicht daran liegen, daß in diesen heiligen Hallen sehr stark an althergebrachten Dingen festgehalten wird? Wie kommt es zum Beispiel, daß manche Hausübungen schon seit über zehn Jahren unverändert sind? Warum ist in den fünf Jahren, in denen ich hier war, keine Vorlesung neu angeboten worden, die sich mit den veränderten Bedingungen im Arbeitsleben beschäftigt hätte? Und wieso werden Inhalte, die ohne Zweifel nicht mehr zeitgemäß sind, nicht einfach gestrichen? Anders gefragt: Warum weiß ich sehr viel über astronomische Positionsbestimmung, jedoch überhaupt nichts über Oracle? Wieso bringt man mir vier Semester lang die Handhabung von Theodoliten und Nivellieren bei und sieht für GPS-Vermessungen gerade mal eine einzige Übung vor? Warum weiß meine Bekannte, die an der FH in Oldenburg studiert, zehnmal soviel über GIS-Software wie ich? Und wieso erfahre ich die interessantesten Dinge - zum Beispiel über Ingenieurvermessung - bloß in Wahlpflichtveranstaltungen?
Die Formulierung mag drastisch sein, aber nach meinen Empfinden haben große Teile der Fachrichtung Vermessungswesen den Anschluß an die Gegenwart der Geodäsie schlicht und einfach verpennt. Nicht bloß an den abgewetzten Ordnern, die von Dozenten in die Vorlesungen geschleppt werden, ist zu erkennen, daß hier sehr stark nach der Prämisse "Das war schon immer so, das wird auch weiterhin so gemacht!" verfahren wird. Lediglich ein Institut erhielt in den letzten Jahren Auftrieb durch eine neue Leitung, die kurzerhand alles umkrempelte und der Gegenwart anpaßte. Zu schade, daß ich zu diesem Zeitpunkt die betreffende Prüfung schon hinter mir hatte.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, was als Begründung für all das vorgeschoben wird: Es ist ja kein Geld da, um neue Inhalte ins Studium einzubringen, und wer soll sich denn auch in neue Materie einarbeiten, um vielleicht mal Vorlesungen darüber zu halten?
Nun, zumindest auf den ersten Aspekt habe ich eine Antwort in Form von zwei Beispielen parat:
Das Geld steckt zum Beispiel in zwölf maßlos überdimensionierten Monitoren im Cip-Pool, von denen jeder Benutzer Rückenschmerzen und wunde Augen bekommt, die aber niemand wirklich zu etwas Sinnvollem nutzen kann, da keine entsprechende Software installiert ist, die einer derart hohen Auflösung bedürfte. Dafür ist auf jedem (!) der zwölf Rechner ein komplettes Corel-Paket installiert, und ich möchte nicht wissen, was das gekostet hat. Auch frage ich mich, wie ich es geschafft habe, beim Korrigieren von Hausübungen beinahe sechzig Mark pro Stunde zu verdienen, obwohl der Vertrag von einem Viertel dieses Wertes ausging.
Und woran kann es nun liegen, daß es keine Vorlesungen über Dinge wie etwa Smallworld gibt? (Mal ehrlich - wer hat den Begriff schon mal gehört??? Smallworld ist eine weitverbreitete GIS-Software; schönen Gruß an den sechsten Stock.)
Da bin ich auch ein wenig ratlos. Immerhin fahren enorm viele Mitarbeiter diverser Institute zu enorm vielen Fachtagungen und Messen, aber außer Spesenrechnungen wird anscheinend nicht viel mitgebracht. In diesem Zusammenhang hat mich leider auch die Fachschaft enttäuscht, denn bei den vielen Kontakten zu Leuten aus anderen Unis müßte doch vielleicht mal jemandem aufgefallen sein, daß anderswo EDV-Einführungsvorlesungen gehalten werden und daß anderswo die Schwerpunkte längst an neue Gegebenheiten angepaßt worden sind. Aber vielleicht ist das ja im einen oder anderen Biergelage untergegangen. Schade.
Doch nicht nur im Lehrbetrieb ist zu spüren, daß so mancher noch auf dem technischen Stand von 1980 weilt. Das Ausstellen einer simplen Bescheinigung nimmt mitunter Wochen in Anspruch oder ist gar unmöglich, weil die Software das nicht hergibt und es unzumutbar wäre, zwei Sätze per Hand zu tippen. Und die Übermittlung von Daten an das Diplomprüfungsamt ginge wahrscheinlich schneller vonstatten, wenn man sie als Flaschenpost in den Indischen Ozean werfen würde. (Allerdings weiß ich nicht, wo genau auf diesem Weg die Informationen aufgehalten werden. Aber zwei Wochen für 500 Meter sind schon eine Leistung!)
Was schließe ich nun aus alledem? Da ich schon vor drei Jahren ähnliches angeprochen hatte ("Stolpersteine" in Lotrecht Nr. 20) und von keiner Seite Resonanz erhielt, erwarte ich auch jetzt keine tiefergehende Beschäftigung mit dieser Problematik. Ich bin wahrscheinlich nicht der einzige, der das Thema auf den Tisch bringt, doch getan hat sich nach meinem Wissen noch nichts.
Ich möchte allerdings den Dunstkreis dieser Uni nicht verlassen, ohne nachfolgenden Studenten einen wohlgemeinten Rat mitgegeben zu haben: Besorgt Euch massenhaft Literatur über Programmiersprachen, Datenbanken und Geoinformationssysteme und nutzt freie Zeit, um Dinge zu lernen, die man Euch in keiner Prüfung, später jedoch mit Sicherheit abverlangen wird. In keinem einzigen Vorstellungsgespräch wird man Euch fragen, ob Ihr mit Meßtisch und Kippregel umgehen könnt! Die Frage nach EDV-Kenntnissen wird dagegen mit Sicherheit auftauchen, und Ihr solltet die richtige Antwort parat haben...