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Ungläubiges Erstaunen überfiel uns am Morgen angesichts dessen, was
von der grellen und lauten Fassade des Vorabends übrig geblieben war. Ein
schier unglaublich dünn bebauter Küstenstreifen vor ein paar öden
Hügeln sollte die Kulisse des Treibens gewesen sein, das uns neun
Stunden zuvor am geregelten Einschlafen gehindert hatte? Hatte der
Anker wirklich gehalten? Offenbar, denn auch unsere Partnervehikel
verharrten nach wie vor sachte schaukelnd einige Dutzend Meter neben
uns, erwachten allmählich zum Leben und entließen einige Insassinnen
zum Morgenbad in das laue Wasser.
Nachdem die gestrige Fahrt an Kos entlang mit 30 Seemeilen zu buche geschlagen hatte, stand uns eigentlich der Sinn nach einer kürzeren Strecke, die den ungeübten Mägen nicht ganz so viel abverlangen und uns ein Eintreffen am Bestimmungshafen noch vor Einbruch der Dunkelheit ermöglichen würde. Denn auch wenn die Moral der Mannschaft einen relativ frühen Beginn des Frühstück ermöglichte, so zog sich selbiges doch stets über längere Zeit hin - die Beengtheit der Küche, der etwas unübersichtliche Kühlschrank, der uns nebenher auch noch mit einer defekten Klappe zu amüsieren wußte, und nicht zuletzt der dem enormen Tee- und Kaffeedurst nicht gewachsene Wasserkessel und die Kapriolen des Gasherdes sorgten dafür, daß wir trotz guten Willens selten vor elf Uhr auslaufbereit waren. Warum auch immer - für heute wurde ein nochmals weiter entfernt gelegenes Ziel bekanntgegeben, was uns angesichts des nach wie vor munteren Windes ahnen ließ, daß auch während dieser Etappe die Superpepschachtel unser ständiger Begleiter sein würde.
Wir sollten recht behalten. Mit permanentem Kreuzen näherten wir uns nur allmählich der nordwestlich von Kos gelegenen Insel Kalymnos, die unser angepeiltes Ziel enthalten sollte, und Wellen von einem guten Meter Höhe erforderten ein stetes Im-Auge-Behalten des Horizontes, um unfreiwillige Fischfütterungen zu vermeiden. Die Zeit schritt voran, und da heute der Funkverkehr um einiges bilateraler war als noch am Vortag und die Erkenntnis sich durchsetzte, daß das ursprüngliche Tagesziel vielleicht doch ein wenig zu weit war, erfolgte im Verlauf des Nachmittags eine Planänderung zugunsten einer Bucht namens Ormos Vlikadhia, die sich am südlichen Ende von Kalymnos befinden sollte, jedoch so geschickt versteckt war, daß es selbst den Dioptrienärmsten unter uns nicht möglich war, sie mit dem High-Tech-Feldstecher zu erspähen.
Und doch, weiter östlich als zunächst angenommen, wurden wir fündig. Einige wenige Häuschen, die sich in die Hügel schmiegten, die üblichen wir-fangen-mal-an-zu-bauen-und-hören-dann-erst-mal-auf-Betonskelette und eine schmale, gemütliche Bucht mit kaum mehr Schiffen darin als unseren beiden Pendants erwarteten uns im warmen Abendlicht. Wären nicht ein oder zwei Straßen auszumachen gewesen, die von dem bescheidenen Dörfchen in die Berge führten, man hätte annehmen können, auf ein von der Zivilisation vergessenes Nest auf einer entlegenen und vom Rest der Welt abgeschnittenen Insel gestoßen zu sein. Der Gedanke an Piraten, die sich hier in früheren Zeiten versteckt gehalten haben mögen, drängte sich auf - diese Bucht mußte ein perfekter Schlupfwinkel gewesen sein! In jedem Fall war sie gemütlich und lud dazu ein, zunächst ein wenig zu baden und zu schnorcheln, nicht zuletzt um den korrekten Sitz des Ankers zu überprüfen, den wir in einigen Metern Tiefe zwischen - wie wir jetzt erkennen konnten - Plastikflaschen, Bierdosen und Tellern plaziert hatten.
Es wurde bereits dunkel, als wir uns - frisch stadtfein gemacht - per Schlauchboot an Land setzen ließen, um im örtlichen Restaurant gemeinschaftlich zu dinieren. Zum erstenmal seit etwa dreißig Stunden betraten wir das Festland, und so folgten nicht wenige zunächst einmal dem Ruf der Natur und suchten die Restauranttoilette auf. Auch ich verfiel der trügerischen Hoffnung, nach einem langen Tag des Mißtrauens gegenüber der Bordtoilettenpumpe endlich Erleichterung zu finden, doch wurde diese Hoffnung alsbald zerstört - fließendes Wasser war nur in Form eines im Restauranteingang ausliegenden Gartenschlauchs erhältlich, der Örtlichkeit fehlte der Keramik-Sitzfleisch-Adapter, und an der Tür prangte als Zeugnis der griechischen Kanalisationsabstinenz die unter Hinweis auf den bereitstehenden Eimer formulierte Bitte "Please do not throw any paper into the toilet" - mein Respekt gilt jedem, der angesichts dieser Widrigkeiten dennoch erfolgreich war, mir jedenfalls blieben unverrichteter Dinge nur der Rückzug und die Freude auf die griechischen Speisen, die es zu bestellen galt. Der Eindruck der Abgeschnittenheit von der Zivilisation wurde mit diesem Einblick in das griechische Sanitärwesen jedenfalls gewahrt.
Das Restaurant selbst machte auf Anhieb einen urigen Eindruck. Mehrere
Zeugnisse der schwammtauchenden Vergangenheit dieser Insel hingen in
den Netzen unter der Decke, und einige magere Katzen strolchten
zwischen den Tischen umher und bettelten um Eßbares. Wir auch,
allerdings versuchten wir unser Glück zunächst beim Bedienelement,
deren Anstellung in diesem Etablissement entweder durch eine ohnehin
vorhandene Familienzugehörigkeit oder durch den ersten Eindruck
begünstigt worden sein mußte, den sie mit zwei unübersehbaren
Argumenten beim Personalchef hinterlassen hatte. Talent für diesen Job
hatte sie jedenfalls keins. In stokeligem Englisch nahm sie unsere 25
Bestellungen entgegen und verschwand mit ihrem Wust an Zetteln in der
Küche, kehrte alsbald mit Getränken zurück und ließ uns
daraufhin mit
einigen Vorspeisen auf unsere Hauptgerichte warten. So manches Gespräch
entstand an diesem langen Tisch und konnte in aller Ruhe zur Vollendung
geführt werden, während so manche Speise auf sich warten ließ,
während
anderes - mit schneller Hand verfrüht der Mikrowelle entrissen - kaum
lauwarm vor den zweifelnden Seglern landete und nach deutlicher
Nachfrage mürrisch wieder mitgenommen und widerwillig einer
gründlicheren Erwärmung zugeführt wurde.
Meinereiner freute sich unterdessen auf eine Portion Souflaki, das ich als Spieß voll mageren, würzigen Fleisches in wohliger Erinnerung hatte und von dem ich annahm, es könnte in seinem Ursprungsland zur geschmacklichen Perfektion reifen. Oh, wie hatte ich mich getäuscht! Was mich erreichte, waren ein paar jämmerliche, fettige und zähe Brocken an zwei Holzstäben, notdürftig erhitzt und den Verdacht erregend, selbst in diese entlegene Ecke der Welt käme der Bofrost-Wagen und verkaufe all das, was der Rest der Menschheit nicht haben wollte. Doch nicht genug mit dem Fleisch - die Steigerung der Ungenießbarkeit fand sich in der Beilage! Die neben Goudakäse einzige sinnvolle Erfindung aus den Beneluxstaaten, Pommes Frites, wurde mit den labberigen Pfriemeln, die mir hier aufgetischt wurden, gekonnt ad absurdum geführt. So kam es, daß die Katzen nach diesem Abend nicht mehr ganz so mager aussahen...
Tag 4: Ormos Vlikadhia - Ormos Pandeli |