Von Pontius zu Pilatus


Geschwindigkeit ist gleich Wellenlänge mal Frequenz. Gut zu wissen: Wie langwellig ist es, einmal die Woche in Windeseile zu den Quantenoptikern zu bügeln und im Eigenversuch mehrere Stunden lang Pendeln beim Schwingen zuzuschauen? Das vierte Semester beinhaltet das physikalische Praktikum, eine Jagd nach dreißig Punkten, die man den entsprechenden Hiwis durch gekonnte Versuchsdurchführung, eine ordentliche Übungsausarbeitung oder auch einfach nur durch Schleimen aus der Nase ziehen soll. In der Praxis stellt sich das so dar, daß man am Freitagnachmittag (!) antritt und aus einem Haufen teurer Gerätschaften den im immerhin noch acht Mark teuren Praktikumsbuch beschriebenen Versuch aufbaut, um selbigen bis ins letzte Detail auszuwerten, festzustellen, daß man mit einem relativen Fehler von mindestens 80% gearbeitet hat, und das fertige Produkt eine Weile später vorzulegen, auf daß besagter Hiwi ein Stempelchen draufklatscht und die Punkte verteilt. Das ganze Verfahren gliedert sich in mehrere Gemeinheiten.

Gemeinheit No. 1: Die Versuchsbeschreibung im Buch liest sich wie Kisuaheli, enthält auch gern mal Fehler und besteht zu mindestens 90% aus erläuternder Theorie, die man für den Versuch als solchen überhaupt nicht braucht.

Gemeinheit No. 2: Das Haupttestat. Mit etwas Pech gerät man an einen Hiwi, der den Umstand, daß er Geodäten vor sich hat, nur zu gern vergißt und einen derart löchert, daß man sich eine spontane Blasenschwäche oder ihm die Pest an den Hals wünscht. Man stelle sich die Situation mal umgekehrt vor: Vor uns sitzt ein Physiker, der Vermessung leider als Nebenfach studieren muß, und er hat die Aufgabe bekommen, ein paar Winkelsätze zu messen und daraus einen Rückwärtsschnitt zu rechnen. Nun fragen wir ihn aus: "Aufbau des Theodoliten? Achsfehler? Deren Behebung? Mittlerer Punktfehler? Fehlerzeigendes Dreieck? Gefährlicher Kreis?", und allmählich fängt der arme Kerl an zu qualmen. Was hat er denn? Das ist doch einfachste Vermessungskunde, zweites Semester, mußten wir auch alles lernen! Nur daß er vielleicht gar nichts anfangen kann mit dem ganzen Kram, das ist uns wohl vorübergehend entgangen. Zurück zum Thema: Ich muß doch wohl als angehender Vermesser nicht wissen, daß rechtsdrehende Milchsäuren deshalb so heißen, weil sie die Polarisationsebene von Licht rechtsrum drehen, wenn man beispielsweise mit einem Laser durch seinen Joghurt leuchtet, was ich ohnehin nur in Zeiten übelster Langeweile zu tun pflege! Ebensolches Wissen wurde mir aber abverlangt, und da ich mich darob ausschwieg, betrachtete man mich als schlecht vorbereitet, und Schwupp! - war schon wieder ein Punkt weg.

Gemeinheit No. 3: Die Punktvergabe selbst. Es gibt Versuche, die mit vier Punkten bewertet werden, und solche, für die es fünf gibt. Die Versuche werden per Zufall auf die Teilnehmer verteilt, und so ist es auch purer Zufall, wie viele Fünfpunkteversuche man erhält. In meinem Fall war es freundlicherweise nur ein einziger, und ich durfte für zwei läppische Punkte einen Freitag öfter hinrennen als die meisten meiner Leidensgenossen, die bis zu drei Versuche der rentableren Art durchführen durften. Beim unserem dritten Versuch dann die nächste Überraschung: Wenn man besonders fleißig ist, besonders viel weiß oder einfach nur radfahren kann, gibt es sogar noch Zusatzpunkte, und aus fünfen können durchaus mal sechs werden. Schade, daß uns das niemand gesagt hat, aber auf die Idee einer Einführungsveranstaltung ist offenbar noch niemand gekommen.

Gemeinheit No. 4: Das abschließende Punkteeinheimsen. Nach mehreren Abenden der Auswertung, einigen Quadratmetern Millimeterpapier und hunderten von Fehlerbalken macht man sich schließlich auf, die letzten Punkte zu besorgen, um das ganze endlich hinter sich zu bringen. Man begibt sich also an einem zusätzlichen Freitag in die Hexenküche und rennt hin zum ersten Stempelträger. "Da fehlt aber noch dasunddas, entweder Ihr macht das eben noch, oder Ihr bekommt einen Punkt weniger." Hinsetzen, rechnen, malen, wieder hingehen: "Nee, ich mache gleich erst mal Antestat, kommt nachher noch mal wieder!" Also hin zum nächsten, der wird ja wohl Zeit haben, da er doch rauchend rumsitzt und mit einem Kollegen plaudert. "Habt Ihr noch fünf Minuten?" Ein saures Gesicht aufsetzen, und er blickt erschreckt von uns zu seiner Zichte und wieder zurück: "Drei?" Als wir noch saurer zum dritten abziehen, ruft uns der Kollege hinterher: "Lach doch mal!" - Schöner Mist, ich habe die Baseballkeule heute nicht mit... Der dritte Vertreter sitzt mitten im Haupttestat mit zwei Biochemikern, also wieder hoch zum zweiten, der mittlerweile ausgeraucht hat und zumindest ein wenig reuig ist: "Physikpraktikum is' scheiße, oder?" Dazu fällt mir nichts ein, wir kassieren unsere Punkte und ziehen weiter zum ersten, bei dem wir nach weiteren zwanzig Minuten endlich eine Audienz bekommen. Unsere zwischenzeitlichen Bemühungen taugen wohl nichts, also gibt's noch eine Viertelstunde Vorrechnen gratis, bevor er sich dazu hinreißen läßt, den entscheidenden Punkt einzutragen. Bleibt Hiwi No. 3, der mittlerweile mit seinen Biochemikern fast fertig ist und es bedauerlich findet, daß man bei seinem Versuch gar nichts zeichnen konnte. Aber das kann man ja im nächsten Jahr noch mit einbauen, erzählt er uns und lächelt fröhlich. Vielleicht ist die Keule zuhause doch besser aufgehoben...

Ich möchte ja vermeiden, daß ich uniweit als gefürchteter Nörgler gemieden werde, von daher gehe ich auf die Experimentalphysik-Vorlesung und den absolut fähigen Übungsleiter gar nicht erst näher ein. Ich möchte nur anmerken, daß die Koordination zwischen beiden Veranstaltungen - Vorlesung und Praktikum - überwältigend ist: es gibt nämlich gar keine. In etlichen Fällen wurde unser gerade ausgestandener Versuch drei Tage später in der Vorlesung behandelt. (Diese Momente gehörten demnach zu den wenigen, in denen ich der Vorlesung halbwegs folgen konnte) So fühlt man sich beim Haupttestat immer dann Schreikrämpfen nah, wenn man gefragt wird: "Ja, hattet Ihr das denn nicht in der Vorlesung?" Im Vertrauen: Selbst wenn wir es schon in der Vorlesung hatten, was bringt es uns, solange der Dozent den Stoff in atemberaubender Geschwindigkeit weitgehend ungeordnet mit einer nicht zu überblickenden Vielzahl von unlesbar hingeschmierten Formeln so anschaulich gestaltet, als säße man in der Veranstaltung "Arabisch rückwärts für Fortgeschrittene"?

Ich laufe ja Gefahr, diesen Artikel zu einer Hetzschrift gegen Physiker verkommen zu lassen, doch bin ich mir sicher, daß das alles ganz liebe Menschen sind, die ihren Hund auch nicht öfter treten als gewöhnliche Leute. Mir will nur nicht in den Kopf, daß ich von einem angehenden Doktor der Physik mit Schulterzucken bedacht werde, wenn ich ihn frage, ob, wie und warum ich eine Duschwanne erden muß! Unser Elektriker weiß das und kann das, und der hat nie Physik studiert. Womöglich hätte man ihn fragen sollen, bevor man die Challenger ins All schickte...

Lars Ostermeyer