Guten Tag, verehrte Zuhörer, ich begrüße Sie zu meinem heutigen Vortrag, der den Titel trägt: "Sinn und Zweck des geodätischen Proseminars". Ich möchte meine Ausführungen wie folgt gliedern: Nach einer kurzen Hinführung zum Thema behandle ich die Unterpunkte Organisation, Durchführung und Bewertung und gebe zum Schluß einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.
Das geodätische Proseminar findet im vierten Semester statt und nötigt jeden Studenten des Jahrgangs, sich mit einem Thema seiner Wahl auseinanderzusetzen und in zehn Minuten darüber zu referieren. So lautet die Zielsetzung, doch wie stellt sich diese Veranstaltung nun in der Praxis dar? Sie beginnt zunächst mit dem unkommentierten Aushang einer Themenliste gegen Ende des dritten Semesters, die eine erste Verwirrung hervorruft. Da zufällig jemand irgendwann davon gehört hat, trägt er sich vorsichtshalber schon mal für ein Thema ein, und kurz darauf ist die komplette Liste vollgeschmiert. Einige Zeit später wird dann zu einer Einführungsveranstaltung geladen, in der es heißt, das überhastete Eintragen sei völlig verkehrt gewesen, beschleunige das Verfahren jedoch enorm. Ferner habe man sich bis zu diesem und jenem Termin vorzubereiten und seinen Vortrag nach strikten Regeln abzuhalten; zwei Minuten Einführung, viele Folien, Literaturangabe und - Um Himmels Willen! - keinesfalls mehr oder weniger als 600,00 Sekunden Vortragsdauer, nach denen noch diskutiert werde, um Hintergrundwissen abzuklopfen, welches in beliebiger Menge bereitzuhalten sei.
Es gehen einige Wochen ins Land, und gegen Ende April stehen dann tatsächlich die ersten bedauernswerten Figuren vor der Tafel und referieren. Die Probanden schlagen sich eigentlich ausgezeichnet, einzig die Herrschaften in den ersten Reihen des Auditoriums hinterlassen einen schlechten Eindruck; einige verschwinden während der Vorträge, andere tauchen erst mit massiver Verspätung auf und benutzen für diesen peinlichen Auftritt auch noch den vorderen Eingang des Raumes, um einerseits den ohnehin schon schweißtriefenden Studenten zu verunsichern und andererseits zu signalisieren: "Hallöchen, ich bin auch hier!" Die Krönung jedoch ereignet sich, als einer dieser Zuhörer bei einem Vortrag einschläft. Die Auswahl der Themen ist bereits hier zu hinterfragen, doch bietet sich später noch genügend Gelegenheit dazu.
Nach Ende eines jeden Referenten, äh, Referats, stellt sich jener unerschrocken den Fragen der Zuhörer: "Haben Sie gefunden, ob...?" ("Natürlich nicht, sonst hätt' ich's ja erzählt!"), so der Tenor der nächsten fünf quälenden Minuten. Die Diskussion droht an mancher Stelle auszuarten, wenn diverse Mitglieder des Auditoriums untereinander Fachsimpeleien anzetteln, während der Referent wort- und planlos dasteht und die restlichen Zuhörer schon mal ihren Zugfahrplan wälzen. Der Kreativität der Fragenden sind anscheinend keine Grenzen gesetzt, und nicht selten beantwortet sich der betreffende seine Frage doch lieber selbst.
Das war's dann, alle sechs für heute sind durch, und man zieht sich zur Beratung zurück wie die Geschworenen in einem Mordprozeß. In dieser Zeit verflüchtigen sich im Allgemeinen drei Viertel aller nicht betroffenen Studenten, und der Rest sieht dem vernichtenden Urteil entgegen, das nun gesprochen werden wird. Dieses Urteil kennt keine Gnade: Wehe, wenn dreitausend Jahre Geschichte nicht passend in zehn Minuten gequetscht worden sind, wenn ein simples geometrisches Problem nicht in mindestens zehn Folien samt künstlerisch wertvoller Zeichnung und entsprechenden Formeln verpackt war, wenn jede Folie nicht mindestens zwei Minuten auflag und es derer weniger als zwölf waren, ohne daß der Zeitrahmen überschritten wurde! Ein Vortrag von mehr als einer Viertelstunde gar schreit eigentlich nach Lynchjustiz, doch sieht man letzten Endes davon ab, jemanden erneut antreten zu lassen, was schon als äußerst gnädig empfunden werden muß. Die Verkündigung der Noten ist jedenfalls immer ein Erlebnis, doch folgt nach jedem Urteil die obligatorische Feststellung, diese Noten gingen nirgendwo ein und dienten lediglich "zur eigenen Orientierung". Ein Glück, denn was hier geurteilt wird, spottet jeder Beschreibung. So wird ein Vortrag, der ansonsten sehr gut vorgetragen wurde, als "inhaltlich leer" bezeichnet, gerade so als hätte sich die Referentin das Thema selbst aus den Fingern gesogen und nicht eine hochbezahlte Kraft dieser unserer Lehranstalt. Bei einem anderen bemängelt man, er habe "zu sehr erzählend" gesprochen - die Prüfer sitzen offensichtlich nie in ihren eigenen Vorlesungen. Zum dritten wird festgestellt, daß zu langsam, zu schnell, zu leise gesprochen wurde, worüber man sich ebenfalls trefflich aufregen könnte, hätte man nicht gerade den Kommentar wegen der laut rauschenden Klospülung überhört...
Es bleibt mir, zum Abschluß meines Vortrags folgendes festzuhalten: Das geodätische Proseminar ist eine unterhaltsame, nett gemeinte Pflichtveranstaltung, über die sich jeder Student freuen sollte, bietet sie doch die Möglichkeit, sich über die eigenen Fähigkeiten klarzuwerden, die man beim mehr oder weniger freien Sprechen an den Tag legt. Ferner lernt man endlich mal jeden Kommilitonen mit Namen kennen, wenn auch die Identitäten der Zuhörer weitgehend im Verborgenen bleiben. Man könnte sich in Zukunft darüber Gedanken machen, inwieweit das Proseminar in das ohnehin schon überladene vierte Semester (Physikpraktikum etc.) gehört, und ob man nicht die Auswahl der Themen ein wenig mehr an den Zeitrahmen anpaßt; so wäre der Aufbau der Erde beispielsweise ein Thema für einen abendfüllenden Vortrag - eine zwangsweise zehnminütige Abhandlung als oberflächlich zu bezeichnen, zeugt von extrem wenig Weitblick...
So viel von mir, ich stehe nun für Fragen zur Verfügung und beende meinen Vortrag
mit der Angabe der Literatur:
Ostermeyer, Lars: Über Sinn und Zweck des geodätischen Proseminars,
erschienen in Lotrecht Ausgabe 19, Hannover 1997