Streik oder nicht Streik???



Das ist hier die Frage: Streiken wir? Und wenn ja: Warum oder wofür? Oder gegen was oder wen?

In einer zweiten Vollversammlung hat sich eine repräsentative Minderheit von Geodäsiestudenten (und meinetwegen auch -innen oder -außen) gegen eine Weiterführung des Streiks in unserer Fachrichtung ausgesprochen. Unsere ambitionierten Fachschaftler schien das sehr zu überraschen, hatten sie doch wiederum mehrere Aktionen im Ärmel, deren Ausführung somit weitestgehend flachfiel. Schon die Anwesenheit von vielleicht gerade mal 30 Leuten (von denen mindestens die Hälfte vorher in diesem Raum Vorlesung hatte) sorgte für einige verdutzte Gesichter. Anscheinend hatte man Euphorie und ungebrochenen Aktionswillen erwartet, dabei nur leider die allgemeine Stimmung in den Reihen der Studierenden nicht ganz korrekt eingeschätzt. Auch wenn mancherorts noch immer Transparente gemalt, Infostände betrieben und Aktionen getätigt werden, die große Streikwelle, in der nahezu alle Fachrichtungen dabei waren, scheint abgeebbt zu sein.

Klar, wird man mir jetzt entgegenhalten, jetzt ist ja auch Weihnachten, da ist halt keiner mehr da! Mag sein, und der Gesetzgeber mag auch den Termin für das HRG mit Mitte Dezember recht klug gewählt haben - nicht zuletzt zumal etliche Streikwillige auf dem Weg nach Bonn am 18. Dezember irgendwo auf der Autobahn hängenblieben, da es dank Glatteis 40 Kilometer Stau hatte! Doch bin ich nicht allein mit der Feststellung, der Streik verliefe im Sande: So stellt beispielsweise in der "Streikposition" vom 15. Dezember eine Doris Achelwilm fest: "Wir haben ganze zwei Wochen gestreikt und sind schon müde." Und sie ruft auf zu einer Weiterführung des Streiks, da wir "gerade erst am Anfang" stünden. So weit, so gut. Ich befürchte nur, daß die gute Doris ein wenig übersieht, was die meisten dazu bewegt, den Streik Streik sein zu lassen und lieber Weihnachtseinkäufe zu tätigen. Daß wir Angst haben, Vorlesungsstoff zu verpassen, ist meiner Ansicht nach nur eine Seite der Medaille, denn besonders in unserem Fall haben sich die Dozenten deutlich auf unsere Seite geschlagen und bereit erklärt, ausfallende Stunden nachzuholen. Auch glaube ich nicht, daß wir einfach bloß keine Lust haben zum Streiken, denn nur zu viele sind von der immer wieder angeprangerten Misere tatsächlich betroffen - allein die Bafög-Sätze, von denen ich weiß, sind einfach nur zum Totlachen. Nein, der Knackpunkt muß wohl woanders liegen, und ich habe da so eine Idee, wo:

Das Titelbild des oben bereits zitierten Organs zeigt das vor dem Hauptgebäude stehende Roß, bandagiert, mit einem Bettlaken behängt, auf dem "Streik" steht, ohne Ende vollgeschmiert mit Parolen ("SCHÄTZL VERPISS DICH!" u. ä.) und verziert mit fünfeckigen Sternen und einem Anarchie-Zeichen. Ich erinnere an dieser Stelle daran, daß der Sockel dieses Standbildes - ebenso wie die Fassade des Welfenschlosses - vor nicht einmal eineinhalb Jahren von oben bis unten neu gestrichen wurde, was sicherlich ein paar Tausender aus dem Etat unserer Uni verschlungen hat. Und ich kann mir nicht helfen, es sah einfach schön aus, so ohne Graffitis, Farbflecken und andere Schmierereien, und jetzt bildet dieses Denkmal abermals ein Bild, das den Passanten den Eindruck vermittelt, hier wären die Verfilzten aus der Nordstadt eingezogen. Und nun kommen diese Sozialwissenschaftler daher und bilden diesen Schandfleck auf ihrem Propagandablatt ab, als wären sie stolz auf eine solche Ferkelei. (Wahrscheinlich sind sie es sogar!) Wenn also mit "Radikalisierung" gemeint ist, daß wir hier hausen sollen wie die Vandalen, daß wir am Ende noch brandschatzend und plündernd durch die Stadt ziehen, Barrikaden anzünden und Polizisten mit Steinen beschmeißen sollen, dann habe ich ein bißchen Schwierigkeiten, mich für solchen Aktionen zu begeistern, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier Kräfte am Werk sind, die die Gesamtheit der Studenten mobilisieren wollen, um sie ganz nebenher ein wenig nach links zu verrücken. Wer sich mal ein wenig mit dem AStA befaßt und beispielsweise deren Internetseite unter die Lupe genommen hat, wird vielleicht vermuten, in welche Richtung meine Befürchtungen gehen - die Art und Weise, in der dort die Chaostage aufgefaßt werden, läßt Übelstes erahnen, und solange solche Gestalten federführend im Organisieren von Protesten sind, oute ich mich lieber als Streikbrecher, als am Ende im Knast zu sitzen.

Ein anderer Aspekt:
Studenten genießen in der Gesellschaft ein Ansehen, das nur kurz hinter dem von Säufern und Pennern rangiert: Fragt man einen beliebigen Arbeitnehmer, wie er sich das Leben als Student so vorstellt, bekommt man zur Antwort so etwas wie: "Pennen bis elf, alle paar Tage mal eine Vorlesung anhören, dauernd irgendwelche Feten, BAföG abzocken, Eltern ruinieren, saufen, qualmen, kiffen." Daß dieses Bild in den meisten Punkten nicht auf unsereinen zutrifft, wissen wir wohl, doch muß dieser Eindruck ja irgendwoher gekommen sein, und ich fürchte, er kommt von exakt denselben Fachrichtungen, die dieser Tage so enorm engagiert am Streiken sind. Man verstehe mich an dieser Stelle nicht falsch; mit Sicherheit sind auch andere Studiengänge arbeitsintensiv und verlangen den Probanden so einiges ab. Ich glaube nur, daß es viele gibt, die ihr Studium mit der Gelassenheit desjenigen angehen können, dem Papi im Bedarfsfall einfach zwei bis drei Semester mehr kaufen kann, und ich glaube auch, daß die in der Mehrheit in prestigeträchtigeren Studiengängen als dem unseren zu finden sind und sich nicht mit dem Status eines Ingenieurs zufrieden geben würden, sondern mindestens Arzt oder Anwalt werden möchten, koste es was es wolle. Die Mehrheit der Deutschen - unsere Bundesregierung wahrscheinlich eingeschlossen - bringt diesen zukünftigen Reichen wohl wenig Verständnis entgegen, wenn ausgerechnet sie nach besseren Bedingungen an unseren Hochschulen schreien, nach mehr Geld und mehr Mitbestimmung. Daß es einen Typ Student gibt, der eine Fünftagewoche hat, von seinem BAföG nicht einmal täglich in der Mensa essen kann und dank Nebenjob noch länger studieren muß als ohnehin schon, das hält in diesem Land wahrscheinlich niemand für möglich, Streikorganisierer eingeschlossen.

Die bisher gelaufenen Aktionen tragen zum Unverständnis der Allgemeinheit noch bei: Da sieht man im Fernsehen Studenten, die im angemalten Bus zur Demo fahren; die Mädels sind am Stricken, die Kerls singen zu Gitarrenbegleitung irgendwelche Streiklieder und pfeifen sich Joints 'rein. Im Radio hört man Stimmen von Demonstranten: "Och, ich streike mehr so aus Solidarität..."

Ich werde den Eindruck nicht los, daß sehr viele überhaupt nur gestreikt haben, weil eben alle gestreikt haben und sie nicht doof daneben stehen wollten, weil sie irgendeinem Gruppenzwang folgten; ich halte es nicht für möglich, daß urplötzlich mehrere zehntausend Leute gleichzeitig festgestellt haben, daß es uns ja irgendwie gar nicht so gut geht, nachdem das jahrelang niemandem aufgefallen ist!

So ist die ganze Streikerei also wohl nur die Idee von ein paar wenigen Initiatoren, die von Zehntausenden willig aufgegriffen und ebenso schnell wieder fallengelassen wurde. Auch wenn die ganze Angelegenheit einen ernsten Hintergrund hat und an sich mehr als berechtigt ist, so waren doch das lemminghafte Verhalten der Massen und die Methoden der Durchführung mehr als fragwürdig, nicht zuletzt weil eben nebenher die bekannten Losungen ausgegeben wurden, die man dann wieder auf uns alle münzen wird - "Wir sind sowieso gegen diesen ganzen Staat und wollen jetzt und hier eine demokratisierte, mit staatlichen Mitteln geförderte Anarchie!" Besten Dank.
Vielleicht sollten wir, BEVOR wir zusammen etwas zu bewegen versuchen, mal die eigenen Reihen durchforsten und verhindern, daß unsere Anliegen von irgendwelchen linken Bazillen in anarchistische Propaganda gekleidet werden, so daß sowieso niemand mehr hinhört. Wir sind eigentlich als "gutbürgerliche" Studenten nicht unbedingt in der Unterzahl, und unsere bescheidenen Bemühungen waren ernstzunehmender als die meisten Geschichten, die der AStA oder die SoWis initiiert haben. Von daher hege ich die Hoffnung, daß wir tatsächlich etwas tun und wesentlich mehr Kräfte mobilisieren könnten, wenn wir nur den richtigen Ton träfen. Von Transparenten und Liedern läßt sich hierzulande garantiert kein Politiker mehr beeindrucken, und die Öffentlichkeit nimmt all das auch nur noch am Rande wahr. Ich habe jedenfalls nicht feststellen können, daß die ganzen Bemühungen auch nur zu einem winzigen Erfolg geführt hätten. Und solange man weiß, daß man ohnehin nichts bewegt, kann man die Streikerei auch sein lassen. Dies mag der Gedanke gewesen sein, der die Begeisterung der Massen so arg begrenzte - wen auch immer ich in den letzten Wochen befragt habe, die Antwort war immer dieselbe:

"Das bringt doch sowieso nichts."

Meiner Ansicht nach zeugt diese Aussage von fundierter Kenntnis über das Wesen unserer Regierung, die momentan ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt ist, veraltete Flugzeuge zu kaufen und nichtssagende Weihnachtsansprachen zu verfassen, als daß sie sich um ihre eigentlichen Aufgaben kümmern könnte. Um diese Herren umzustimmen, müßten wir schon mehr auffahren als ein paar alte Bettlaken. Bevor ihnen niemand ans Geld oder ans Leben geht, lassen sie sich nicht beirren und hoffen zurecht, daß die großzügige Verteilung von Bleistiften und Radieschensamen ausreichen wird, die nächste Wahl zu gewinnen. Offensichtlich fallen wir Studenten als Wähler wohl nicht so sehr ins Gewicht, denn man sollte davon ausgehen, daß man uns mit billigen Geschenken eben nicht über die Unfähigkeit der Bonner Sesselfurzer hinwegtäuschen kann. Aber da habe ich wohl abermals die Rechnung ohne die Begeisterungsfähigkeit unserer Kommilitonen gemacht. Wenn das Wort Streik schon Zehntausende kurzzeitig aus dem Bett lockt, dann werden hohle Wahlversprechungen ein übriges tun, um die Massen zum entsprechenden Kreuzchen zu bewegen. Auch ich halte den durchschnittlichen Studenten für nicht sonderlich vernunftgesteuert...

Fassen wir zusammen:
Der just vergangene Streik war also offenbar ein Schlag ins Wasser, und wir haben uns nunmehr zu überlegen, welche Konsequenzen wir daraus ziehen sollten. Daß die Gesamtheit der Studenten längst keine geschlossene und homogene Menge ist, liegt auf der Hand, dennoch muß es möglich sein, eine so große Zahl von Leuten dazu zu bewegen, gegen geplante Abscheulichkeiten geschlossen vorzugehen, und zwar in einer Art und Weise, die Sinn macht und in der Öffentlichkeit Zustimmung und Unterstützung findet, denn DASS wir handeln müssen, spätestens wenn das Thema Studiengebühren konkret wird, ist klar. Die Möglichkeiten, als Bürger direkt auf das politische Geschehen einzuwirken, sind freilich arg begrenzt, doch hielte ich zum Beispiel die Alternative eines Volksbegehrens für durchaus denkbar - bei mehreren zehntausend Studenten allein in Niedersachsen sollten sich recht bald genügend Unterschriften zusammenbekommen lassen, und dann wären auch die heuchlerischen Mitleidsbekundungen von Politikerseite unnütz!

Fest steht, daß der Streik vielleicht vorbei ist, die Misere noch lange nicht. Wir werden uns etwas einfallen lassen müssen, wenn wir verhindern wollen, daß wir bald noch mittelloser dastehen als bisher schon. Halten wir also das Thema am Kochen und nehmen wir uns vor, beim nächsten Protest ein besseres Bild abzugeben! Wir haben nicht verloren, wir haben nur nicht richtig gekämpft!