Die Nacht dauerte nicht allzu lange, da uns die Zeitumstellung einen ersten Streich spielte, als sie uns pünktlich zum Mittagessen, also morgens um drei, aufwachen ließ. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade Besuch von einem etwa pfenniggroßen Insekt unbekannter Bauart, dem ich zu einem spektakulären Flug aus meinem Bett verhalf. Glücklicherweise blieben wir jedoch für den Rest der Reise von solchen Besuchern verschont.
Aber was tut man nun nachts um drei in einem Hotel, wenn man nicht schlafen kann? Richtig, man macht den Fernseher an. Ein jeder Hotelfernseher war standardmäßig auf den Hotel-Infokanal eingestellt und hatte sonst nicht viel zu bieten, wenn man seine Kreditkarte nicht beanspruchen wollte. (Hier im Marriott konnte man sogar für $10 pro Tag im Internet surfen - mit Fernseher und kabelloser Tastatur!) Dennoch brauchten wir eine knappe Stunde, um wieder einzuschlafen und erwachten - sozusagen nach dem Mittagsschlaf - gegen halb sechs und warteten sehnsüchtig auf unser Frühstück.
Selbiges kam um zehn vor sieben und bestand aus den ortsüblichen kulinarischen Kuriositäten: Eier mit Speck, Melone, Muffins, Orangensaft, Müsli etc. Von Brötchen hat der Amerikaner anscheinend noch nichts gehört, denn falls wir überhaupt mal das Glück hatten, welche zu ergattern, waren sie so weich und labberig, daß jeder deutsche Seniorenzahn darüber gelacht hätte!
Das Thermometer in der Anzeigetafel auf dem Parkplatz zeigte 60°F, der Himmel zeigte nichts als Wolken und der Hotelangestellte, der die Autos vom Parkplatz holen durfte, zeigte, wie fix er unter dem Regen durchjoggen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, im Juni in L. A. auf einen solchen Tag zu treffen, liegt bei drei Prozent! Dennoch waren wir guter Laune, als wir unser Zimmer verließen und uns in die Lobby begaben, wo um halb neun die Reisegruppe zusammentreffen sollte. Tatsächlich trafen wir auf ein Paar aus dem Schwäbischen, das ebenfalls diese Reise gebucht hatte, und schließlich traf unser (erster) Reiseleiter ein - ebenfalls schwäbischen Ursprungs und in etwa eine Mischung aus Lothar Matthäus und Tim Curry. Chris hieß er und hatte die Aufgabe, uns nach Las Vegas zu bringen. So bestiegen wir gegen viertel vor neun - immer noch bei Regen - den Bus. Es hatten sich bis dahin etwa 15 weitere Reisende eingefunden, so daß der Bus recht leer war und ich die Möglichkeit hatte, zu beiden Seiten herauszufotografieren, was sich natürlich später drastisch ändern sollte...
Wir verließen Los Angeles über den Highway 105, der erst vor kurzem fertiggestellt wurde. Auf der Baustelle waren einige Filme gedreht worden, darunter Speed, Lethal Weapon 3 und Terminator 2. Seitlich von der Straße waren auch die Kanäle zu sehen, in denen Arnie samt Harley und John Connor vom T1000 im Truck verfolgt wurde. Interessanter waren aber die Straßen selbst; Unmengen von Beton sind hier zu irrsinnigen Konstruktionen verbaut worden, die sich nebeneinander, übereinander und durcheinander schlängeln, so daß man sich nicht vorstellen kann, daß auch nur ein Mensch sich aus diesem Wirrwarr jemals wieder herausfindet! Unser Fahrer Larry gehörte offenbar zu diesen Menschen und verließ mit uns nach endloser Fahrt die Stadt in Richtung Wüste.
Am Horizont zeigten sich zuweilen schneebedeckte Gipfel, während näher an der Straße typische Wüstenvegetation zu sehen war. Nun mag der Begriff 'Wüstenvegetation' so sinnvoll klingen wie 'Glatzenfrisur', doch zeigte sich die Mojave-Wüste, durch die wir nun fuhren, in diesem Jahr von einer weitgehend unbekannten Seite, nämlich recht grün. Die ganze Gegend war voll mit dunkelgrünen Sträuchern, was wohl auf das Wetterphänomen 'El Niño' zurückzuführen ist. Abgesehen von diesen Sträuchern wachsen hier vorwiegend Joshua-Bäume, bizarre und eigentlich recht häßliche Gewächse, an denen man sich schnell sattsieht. Mehr Abwechslung boten hier die unzähligen und riesigen Werbeschilder, die die Straße säumten. Für alles wurde hier geworben; für Motels, Restaurants, Radiosender oder auch das höchste Thermometer der Welt! Dieses Ding steht in Baker nahe der Straße und ist 134 Fuß hoch, weil der bisher wärmste Tag in dieser Gegend 134°F heiß war (knapp 57°C!).
Gegen elf legten wir einen ersten Stop ein, um uns in einer Wüstenoase namens Barstow umzuschauen. Man würde in so einer Ecke vielleicht eine Tanke und ein paar Freßbuden erwarten, doch gibt der Amerikaner sich damit nicht zufrieden: Mitten in der Wüste, dutzende Kilometer abseits der nächsten Ortschaft findet man ein wahres Einkaufszentrum! Ein Klamottenladen reiht sich an den anderen, und zig Restaurants bieten jede erdenkliche Art von Essen an.
Unsere Wahl fiel auf 'Quigley's', wo wir von einer enthusiastischen Dame namens Barbie bedient wurden. Ein ausgezeichnetes Roastbeefsandwich stellte mein Mittagessen dar, begleitet von Kartoffelschrapnells (auch Pommes Frites sind nicht annähernd so verbreitet wie hierzulande) und einer riesig dicken Erdbeere, da in der Wüste gerade Erdbeersaison war. Das Getränk war hingegen eine buchstäblich herbe Überraschung: Eistee. Wo der Mitteleuropäer auf Tetrapacksuppe mit mehr Fruchtaroma als Tee schwört, läßt der Ami schlicht Tee erkalten und kippt Eis rein. Fertig ist der Eistee, und dem arglosen Trinker zieht's die Kehle zusammen. Aber erfrischend ist das Zeug allemal!
Weiter ging's durch die Wüste. Vorbei an weiteren Millionen von Joshuabäumen, vorbei an Calico und einem Salzsee namens ZZYZX, der einst dem Kurbetrieb diente, bis das Finanzamt kam, und der jetzt von einer Uni als Forschungsobjekt genutzt wird. - Soviel Detailwissen kann man erfahren über einen großen weißen Fleck abseits der Straße!
Ein beeindruckendes Bild hätten die Güterzüge abgegeben, hätte man sie denn auf ein Bild bekommen; auf den Bahnlinien neben der Straße verkehrten Züge, die zum Teil von vier Loks gezogen wurden und aus mehr als einhundert Waggons bestanden, zumeist mit Containern beladen. Davon könnte sich die Deutsche Bahn eine Scheibe abschneiden, aber wer will schon soooo lange an einem Bahnübergang stehen?
Das Land wurde kurz etwas hügeliger, es ging um ein paar Kurven, und plötzlich lag Las Vegas vor uns. Beim Anblick dieses knallbunten Betonhaufens mitten in 24000km² Mojave-Wüste kommt einem leicht mal der Gedanke 'Welcher Vollidiot baut ausgerechnet sowas ausgerechnet hier hin???' Allerdings wundert man sich über gar nichts mehr, wenn man in der Stadt erst mal drin ist. Ein Bild von Las Vegas sollte in jedem Wörterbuch unter D wie 'Dekadenz' stehen, denn hier wird Zivilisation auf eine Weise neu definiert, die mir persönlich ganz enorm stinkt!
Da stehen riesige Hotels in allen erdenklichen Farben und Formen, von Palästen bis hin zu Pyramiden, dazwischen verkehren Einschienenbahnen, Achterbahnen und Bungeeseile. Monumentale Schilder mit zum Teil Millionen von Glühbirnen konkurrieren miteinander, unzählige Hochzeitskapellen wechseln sich ab mit Spielhallen und -höllen. Die Stadt ist am Tag potthäßlich, heiß und staubig.
Am frühen Nachmittag trafen wir in der Lobby des 'Circus Circus' ein und auf unseren künftigen Reiseleiter namens Volker, der noch viel schwäbischer war als sein Vorgänger.
Na ja, er war ja auch älter...
Wir bekamen Zimmer 16836 im 16. Stock. Komfortabel und stilvoll, mitsamt Tresor, der uns vor ein erstes Problem stellte, da man für die Benutzung desselben Vierteldollarmünzen benötigte. Die Lösung war hier der Kofferträger, der die Dinger hosentaschenweise mit sich herumtrug. Zum Geld komme ich später noch mal zurück - das Zeug ist irgendwie nicht bis zum Ende durchkonzipiert!
Wir lagerten unsere wichtigste Habe in besagtem Tresor ein, ärgerten uns noch kurz über das Fenster, das sich natürlich nicht öffnen ließ (wofür hat's schließlich Klimaanlagen?) und machten uns auf, das Hotel zu erkunden.
Es gibt nämlich in Las Vegas nicht ein Hotel, das nicht gleichzeitig auch Casino wäre. Da tritt man durch die Hotelhalle in den hinteren Teil des Gebäudes und ist wirklich buchstäblich im Zirkus. In der Mitte ragt ein Zelt in die Höhe, unter dem Drahtseile für Trapez- oder Hochseilnummern gespannt sind, alles ist irgendwie bunt und gestreift, und an jeder Ecke gibt es irgendeine Möglichkeit, sein Geld loszuwerden. Da sind Buden zum Basketballwerfen, zum Kuscheltierangeln, zum Gummihuhn-in-den-Kochtopf-Katapultieren, und in einem riesigen Trakt finden sich natürlich die Klassiker - Roulette, Black Jack, Würfeltische und mehrere hundert bis tausend einarmige Banditen. Nirgends sind Fenster, und es gibt keine Uhren. Die Leute sitzen rund um die Uhr an ihren Geräten, ihr Becherchen mit Geld in der Hand, und hauen einen Dollar nach dem anderen in die Schlitze. Leute aller Schichten und jeden Alters, zumeist jedoch verwahrloste, fette, Standardkluft ist der Ballonseidenanzug. Ich möchte nicht wissen, wie viele von diesen Gestalten bankrott und hochverschuldet sind...
Vier Vierteldollars hatten die Chance, uns zu Millionären zu machen, aber alle verschwanden sie in wenigen Sekunden in der metallischen Tiefe und ließen uns ärmer stehen als zuvor. Zur Strafe nahmen wir zwei Geldbecher als Andenken mit. Bätschmann!
Wir verzogen uns noch kurz auf unser Zimmer und schrieben erste Postkarten, während wir auf den Beginn der abendlichen Stadtrundfahrt warteten, die um halb sieben starten sollte. Währenddessen zog der Bungeeturm vor dem Hotel unsere Aufmerksamkeit auf sich, aber die Feiglinge wollten einfach nicht springen!
Die Las Vegas-Nachttour begann mit der Piratenshow vor dem 'Treasure Island' - ein wahrhaft spektakulärer Auftakt! Vor dem Hotel und somit mitten in der Stadt wird mit echtem Wasser und vor allem mit echtem Feuer eine Piratenschlacht aufgeführt, die mit der Versenkung eines Schiffes (!) endet. So etwas findet man hierzulande gerade mal in besseren Freizeitparks; der Aufwand ist vergleichbar mit dem der Stuntshow im Warner Bros. Movieworld in Bottrop!
Zu Fuß ging es weiter zum 'Mirage', wo Siegfried und Roy ihr Unwesen treiben. Apropos treiben: An einer Straßenkreuzung auf dem Weg zu Mirage hielt neben uns plötzlich eine der in Las Vegas nicht gerade unüblichen langen Limousinen, und ein Fenster wurde runtergelassen. Es fragte aber niemand nach dem Weg - im Interieur befanden sich mehrere durchgeknallte und wahrscheinlich schon recht besoffene Figuren und besahen sich einen Pornofilm! Offensichtlich hatten sie ihren Spaß dabei, uns ihren Schweinkram zu zeigen, wir straften sie jedenfalls mit Desinteresse. Soviel zur Freizügigkeit in diesem Land; nebenher bemerkt ist Nacktbaden im Pazifik bei Strafe verboten...
Da ich weiße Tiger in einem Gehege in der Wüste so sinnvoll finde wie Popelautomaten, beschränke ich mich darauf, zu sagen, da waren welche. (Tiger! Keine Automaten...) Wir wurden weitergelotst zum 'Caesar's Palace', in dem sich eine lange Passage mit Läden befindet. Hier findet man Boutiquen, Schmuck, Restaurants und einen Giftshop des 'Planet Hollywood', vor dem die (angeblich) originale Darth Vader-Kutte samt Helm im Glaskasten hängt.
Interessant ist hier aber etwas anderes:
Die Passage hat eine langgezogene weiße gewölbte Decke, an die ein Himmel projiziert wird. Alle zwanzig Minuten findet hier ein gesamter Tagesablauf statt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Das Ulkige ist, daß man wirklich denkt, man ist draußen, sobald man nicht direkt nach oben schaut oder drüber nachdenkt, daß man sich mitten in einem Casino befindet.
Am Ende der Passage sind zwei Rotunden, die aufgemacht sind wie italienische Brunnen. In einem davon fand gerade eine Lichtshow statt. Hauptakteure waren die vier Plastegestalten, die den Brunnen zierten und römische Gottheiten darstellten. Diese lebensgroßen Figuren waren so genial animiert, daß ich wirklich anfangs grübelte, ob sie nicht doch echt waren. Zwei Dinge sprachen aber dagegen: erstens, die Augen sahen wirklich nach Plastik aus, und zweitens, ich habe noch nie eine Frau mit so großen Füßen gesehen, die dazu noch festbetoniert waren!
Wir bestiegen den Bus und fuhren zu den älteren Casinos. Auf dem Platz zwischen dem 'Horseshoe' und dem 'Old Pioneer' (Das ist das mit dem winkenden Cowboy!) war die nächste Attraktion zu sehen: Die Fremont Street Experience. Hier hat man - wohl um den spektakulären neueren Häusern etwas entgegenzuhalten - eine Deckenkonstruktion aus 2,1 Millionen (!) Glühbirnen gebastelt, die sich wie ein halbrundes Dach über die ganze Straße erstreckt. (Macht etwa siebenhundert Meter Länge und dreißig Meter Breite!) Plötzlich gingen alle Lichter an den umliegenden Häusern aus (inklusive Cowboy), und zu gewaltiger Musik wurde an dieser Decke eine Art Trickfilm gezeigt: In einer Unterwasserwelt jagten Fische, U-Boote und diverse Seeungeheuer hintereinander her und fraßen sich gegenseitig. Alles wurde einzig mit diesen Glühbirnen dargestellt, die, wenn ich mich recht erinnere, weiß, rot und blau leuchteten. Es war wahnsinnig beeindruckend, da man von den Bildern und der lauten Musik vollends eingenommen wurde.
Die Show dauerte so etwa zehn Minuten. Vorher und nachher spielte auf dem Platz eine Liveband namens 'Floor 13', die nicht minder laut war, die aber geniale Musik machte. Ich hätte mir gern noch mehr davon angehört, aber das war nichts für die meisten aus der Reisegruppe, die dem Alter nach nur bei einer Trachtengruppe stehengeblieben wären.
Es folgte zum Ausklang des Abends eine Busrundfahrt durch die Lichterwelt, die sich jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, in ihrer vollen Pracht zeigte und eine völlig andere Atmosphäre vermittelte als Las Vegas bei Tag! Die Stadt bei Nacht ist wie ein riesengroßer Weihnachtsbaum, vor dem man stundenlang stehen und immer wieder etwas Neues entdecken könnte! Da ist das 'New York New York' samt Freiheitsstatue, die große schwarze Pyramide, aus deren Spitze ein Lichtstrahl nach oben weist, den man sogar aus dem All sehen können soll, und das MGM, das bislang noch größte Hotel der Welt mit ungefähr 5000 Betten. Überall zwischen diesen Bauten strahlen Schilder, und auf riesigen Bildschirmen laufen Werbefilme für diese und jene Show. Besonders nett: Auf einem lief so etwas wie
Windows 95 wird gestartet...
da den Leuten wohl der Rechner abgestürzt ist.
Wir kamen an alledem vorbei und konnten nur staunen. In einem anderen Viertel dominierten dann eher die Hochzeitskapellen, und wir erhielten eine Einführung in die wichtigsten Modalitäten, nach denen Heiraten kein Problem, eine Scheidung jedoch enorm aufwendig ist. Diverse Hollywoodgrößen sollen sich da gut auskennen...
Bei einem letzten Stop am MGM bot sich die Gelegenheit zu wirklich imposanten Fotos, bevor wir ins Hotel zurückfuhren und dort todmüde ins Bett fielen.
Die Route dieses Tages: