3. Tag: Las Vegas - Death Valley - Visalia


Der Vergleich mit dem Weihnachtsbaum hinkt nicht. Schaut man an einem Morgen wie diesem aus seinem Hotelfenster, dann liegt die Stadt da wie die Reste eines Weihnachtsfestes, von dem am nächsten Morgen nur noch der Müll übrig ist. Man wünscht sich beinahe den Abend zurück oder freut sich auf den nächsten, wenn alles wieder leuchtet und strahlt und man nicht an den beigegrauen Wüstenalltag erinnert wird. Im Hotel dagegen hat sich nichts verändert, und man merkt höchstens an den leeren Plätzen vor den Automaten, daß die Nacht gelaufen ist. Eine Putzkolonne entfernt die Reste des dekadenten Tuns, und es geht nahtlos weiter mit der Spielerei.

Las Vegas lebt natürlich vom Spielbetrieb. Für den Touristen, der sich für die Zockerei nicht interessiert, hat das Vorteile, denn man lockt das Publikum unter anderem mit äußerst niedrigen Preisen für alle Leistungen, die mit Glück nichts zu tun haben. Zum Beispiel essen: Da gibt es im 'Circus Circus', in dessen Läden man die Flasche Wasser kaum unter zwei Dollar bekommt, ein Restaurant, in dem man für knapp vier Dollar (7,50 DM) ein Frühstücksbuffet erleben kann, wie man es hierzulande garantiert nicht so schnell findet! Von Croissants über Muffins, Donuts, Schinken mit Ei, Würstchen, Braten, Speck, Obst, Müsli, Joghurt bis hin zur Milchsuppe kann man sich aufladen was man möchte, und immer wieder kommt die Dame mit der Kaffeekanne vorbei und schenkt nach. Das möchte ich in Deutschland mal erleben...

So gestärkt konnte der Tag kommen. Unser Weg sollte uns heute durchs Death Valley führen, und so war ich gespannt, wo das momentan noch diesige Wetter in gnadenlos brüllende Hitze umschlagen würde. Doch verließen wir zunächst Las Vegas und bekamen zum Abschied eine weitere häßliche Seite der Stadt zu Gesicht: Baustellen so weit das Auge reichte. Zweierlei Eindrücke vermischten sich; zum einen fühlte man sich an zuhause erinnert (an meiner Heimat führt die A2 vorbei, die seit geraumer Zeit eine Mischung aus Baumaschinenpark und Dauerstau ist), zum anderen beschlich einen das Gefühl, daß dieser Wahnsinn wohl so schnell nicht aufhören würde zu wachsen, und daß diese Form von Geschäftemacherei vielleicht auch mal bei uns Schule machen könnte - ich wäre da gar nicht so begeistert, ist mir doch schon die örtliche Spielothek unsympathisch!

DüneDie Wüste ging genauso wüst weiter, wie sie gestern gewesen war, und so konnten wir unsere Aufmerksamkeit mal auf den Leisereiter richten, mit dem wir nun die ersten von einigen hundert Kilometern verbrachten. Der Mann führte sich schon mal gut ein durch das Bekanntgeben der ersten Fußballergebnisse aus dem fernen Frankreich. Zudem ergab sich mehr und mehr der Eindruck, daß der Mann wirklich Ahnung von dem hatte, was er erzählte. Zwar sollte er erst später zur Hochform auflaufen, als in Kaliforniens Weingebiete ging, doch erfuhren wir bereits hier eine ganze Menge interessanter Dinge. Und: Ds Schwäbisch hieldsisch n Grensen, wennma vonde zweilen fehlnde hatte Gonsonande absiehd!

An dieser Stelle wird es Zeit, den Begriff Großfamilie einzuführen. Es gab nämlich im Bus ein Sitzplatz-Rotationssystem, nach dem jede Zweierbank pro Tag im Uhrzeigersinn zwei Reihen weiterrückte. Dieses System verfehlt jedoch für diejenigen seinen Zweck, die am Anfang rechts in der Mitte sitzen, denn die gelangen bis zum Ende der Reise gerade mal in die linke Mitte, ohne jemals die Windschutzscheibe zu Gesicht bekommen zu haben. - Eigentlich nicht weiter schlimm, aber der Nachteil zeigte sich beim Aussteigen, da die weiter vorn angesiedelten im Allgemeinen mehrere Minuten lang den Gang versperrten und in den Gepäckfächern wühlten, bevor es endlich vorwärts ging.

Zabriskie PointDa fast alle Mitreisenden in Zweierteams unterwegs waren, ergab sich die Notwendigkeit, den freien Platz neben mir zu besetzen. Hier kam dann Familie B. aus M. in T. ins Spiel (und vice versa), da auch sie zu dritt (Eltern + Tochter) reisten. Auf diese Art und Weise hatten unsere beiden 'Großfamilien' natürlich recht viel miteinander zu tun, und es kam zu einigen überraschenden Begegnungen, da offenbar auch die Interessenlagen ähnlich waren. Der Begriff Großfamilie haftete uns jedenfalls für den Rest der Reise an, nicht zuletzt zumal der Reiseleiter ihn stets verwendete, wenn es etwa um die Zuteilung der Zimmer ging. Nebenher bemerkt: Das Reisen zu dritt stellte keinerlei Problem dar, da alle Hotelzimmer zwar eigentlich Doppelzimmer waren, die Betten jedoch eine enorme Breite aufwiesen, so daß ich letzten Endes der Nutznießer war und mich auf rund dreieinhalb Quadratmetern nach Belieben ausstrecken konnte!

Rad vom BoraxkarrenDas Wetter blieb weiterhin diesig, und wir erreichten über endlose Wüstenstraßen Zabriskie Point, einen nach einem polnischen Pionier bennanten Aussichtspunkt. Auf den Fotos, die ich in Reiseführern gesehen hatte, stellte sich dieses Fleckchen Erde als lebensfeindlicher Glutofen dar, und auch die Berichte über Arbeiter, die im vorigen Jahrhundert hier Borax abbauten und das Zeug mit Maultierkarren durch die Hitze schleppten, konnten einem schon Respekt vor dieser Gegend einflößen!
Doch seltsam: Das Furchteinflößendste am Zabriskie Point waren die Toilettenhäuschen!
EchseDas Death Valley präsentierte sich uns mit wolkenverhangenem Himmel und kaum dreißig Grad Wärme. War der Regen in L. A. schon unwahrscheinlich gewesen, so war das hier praktisch unmöglich! Nun ja, um das Leiden der Boraxarbeiter nachfühlen zu können, reichte dieses Wetter also nicht, und so fuhren wir weiter nach Furnace Creek, wo - nahe der tiefsten Stelle der westlichen Hemisphäre - ein Freilichtmuseum mit alten Karren und Maschinen zu bestaunen ist. Hier, ca. 60 Meter unter dem Meeresspiegel, war es dann doch noch ein wenig wärmer, aber ein schwüler Sommerabend in Niedersachsen war auch hiermit nicht zu schlagen. Letzter Versuch: Ein weiterer Stop an einer Düne im westlichen Teil des Gebietes. Resultat: Eine niedliche Echse und - Regen...

Mysteriöser AusblickDie Fahrt ging weiter und offenbarte einige wirklich imposante Ausblicke, und wir erreichten eine Weile später Ridgecrest, wo wir uns zum ersten Mal in einen amerikanischen Supermarkt wagten. (Mittagessen wäre wohl eine Alternative gewesen, aber das hier war spannender!)
Das Angebot haute uns wirklich um! Lebensmittel gab es hier fast nur in immensen Mengen und Großpackungen. Wo unsereiner die Milch im Literpack stehen hat, kauft der Ami das Zeug gallonenweise. 10-Liter-Wasserkanister sind ebensowenig eine Seltenheit wie 2,5-Literflaschen Cola. Das Beeindruckendste aber - besonders für meinen Vater - waren die Steaks, die ohne Mühe die Größe eines Lenkrads erreichten! Zwar weiß ich nicht, was auf dem Grill davon übrigbleibt, aber für den mitteleuropäischen Durchschnittshunger ist sowas garantiert zu viel!

RiesensteaksWir erstanden Instant-Eisteepulver und Wasser (Von Kohlensäure hat nie jemand gehört!), um uns für die kommenden Fahrten Getränke zu mixen, aber beim Thema Eistee war ich schon mal! Dieses Zeug schmeckte dem uns bekannten Eistee schon ähnlicher, was aber nicht heißt, es hätte gut geschmeckt! Dafür bekamen wir aber auch Äpfel und Mangos, die sich ebenfalls trefflich als Mittagsersatz eigneten.

Die Landschaft veränderte sich, und allmählich wich die Wüste einer Landschaft, die dem Staat Kalifornien sein Motto einbrachte: Eureka - ich hab's gefunden!
Man merkte zunehmend, daß hier Menschen wohnten oder zumindest in der Nähe waren. Zunächst erschienen Windräder auf der Bildfläche, gefolgt von Ölpumpen, Lastwagen mit Tonnen von Zwiebeln und schließlich jeder erdenklichen Art von Landwirtschaft! Kartoffeln, Zitrusfrüchte, Wein, hier gab es alles, und zum ersten Mal ließ sich erahnen, wie sich die ersten Siedler gefühlt haben müssen, als sie nach hunderten Kilometern durch die Wüste auf einmal in dieser blühenden Landschaft standen.

So erreichten wir denn die Kleinstadt Visalia, die nichts Spektakuläres enthielt außer dem besten Hotel der gesamten Reise, dem Radisson. - Das heißt, da war ja noch dieses italienische Restaurant, in das wir uns verliefen! (In selbigem saß übrigens auch die andere Großfamilie, ohne daß es Absprachen gegeben hätte!)
Zuerst hatte man eigentlich überhaupt keinen Platz für uns.
Dann hatte man einen Platz genau in der Mitte des Restaurants, den wollten wir aber nicht, da wir etwas unbeobachteter speisen wollten als die Tiger in Las Vegas!
Dann hatte man doch einen Platz am Rand übrig, und ein halbes Dutzend Bedienungen (meiner Meinung nach alles Studenten) umschwirrte uns. Erste Kuriosität in amerikanischen Restaurants: Jeder bekam ungefragt ein Glas Eiswasser. (Dafür war allein eine Bedienung verantwortlich) Unlängst später kam ein zweiter Zaspel an und stellte einen Brotkorb auf den Tisch. Feine Sache, aber die Tücke an dem Mann war, daß er unangekündigt wiederkam, den halbvollen Korb mitnahm und einen vollen hinstellte! Das mag ja noch deren Problem sein, aber daß wieder ein anderer ankam und Vatterns halbvolles Bier mitnehmen wollte, stieß bei uns auf weniger Verständnis!
Dann ging es ans Bestellen, und man erzählte uns, die Pizza wäre ausverkauft. Sowas habe ich nun auch noch nicht erlebt, aber wir hatten keine Lust zu diskutieren und bestellten kurzerhand etwas anderes, was dann einige Brotkörbe später auch geliefert wurde und wirklich sehr gut schmeckte. Unterdessen geisterten alle Bedienungen hin und her, ein Bursche hüpfte herum als hätte er heißen Käse im Schritt, und wir amüsierten uns köstlich...

...aber nicht über die Rechnung! Zu allem Überfluß verstand die Kassier-Bedienung nicht, welchen Trinkgeldzuschlag ich widerwillig vor mich hinmurmelte, und so stand sie planlos an der Kasse, grübelte, beriet sich und schaute doof zu uns herüber, bis ich hinging und unsere Spende noch mal laut aufsagte. Was wir in dem Laden loswurden, darf man keinem erzählen!

So verlangte es mich an diesem Abend nach etwas Kostenlosem, und ich machte mich auf, den Hotelpool zu erkunden. Eine halbe Stunde lang genoß ich ein erfrischendes Bad und begab mich dann triefend in unser Zimmer im fünften Stock, um noch den Zimmerservice für den nächsten Morgen zu bestellen und ein wenig fern zu sehen. Es lief 'Mad about you', eine Serie mit Helen Hunt, die auch hierzulande unter dem Titel 'Verrückt nach Dir' zu sehen ist, im Original jedoch sogar noch besser ist.

Die Route dieses Tages:
Route Las Vegas - Visalia


13. Juni: Visalia - Modesto