4. Tag: Visalia - Yosemite - Modesto


FrühstückDer Tag sollte lang werden - Grund genug, den Busappell eine satte Stunde früher stattfinden zu lassen. Dennoch ließen wir es uns nicht nehmen, abermals den Zimmerservice zu bestellen. Der Mann kam zwar zwanzig Minuten zu spät und vergaß erst mal das Besteck, doch war dieses Mahl um einiges üppiger als das im Marriott; Speck, Toast mit Ei und Knoblauch, frischen Orangensaft und Kakao gab es, und zum ersten Mal servierte man uns eine vielgerühmte amerikanische Spezialität: Pfannkuchen mit Ahornsirup. Wie so viele andere vermeintliche Genüsse findet sich auch jenes im Allgemeinen nicht auf europäischen Speiseplänen, und nach dem Genuß des Geschmieres wundert mich das auch nicht. Zum ersten schmeckte mir der Ahornsirup absolut nicht, und zum zweiten war es ein ulkiges Phänomen, daß man Unmengen von dem Zeug auf die Pfannkuchen schütten konnte und sie es anstandslos absorbierten. Aber wehe, man drückte mit der Gabel hinein...

Um acht Uhr ging es also los in Richtung Fresno und von dort nach Norden zum Yosemite National Park. Ein Zwischenstop in Oakhurst ermöglichte die Anschaffung von Verpflegung und einen Gang auf die Restrooms im örtlichen Supermarkt. Überhaupt war das Wort Restrooms dasjenige, das sich als erstes in den Wortschatz der Reisenden einimpfte, die bis dahin kein Englisch sprachen. Bei jedem Stop wurde auf die entsprechenden Räumlichkeiten hingewiesen, und besonders am Damenlokus bildeten sich ellenlange Schlangen, so daß einige gar nichts von den Sehenswürdigkeiten mitbekamen sondern die gesamte Pause mit Anstehen und Ansitzen verbrachten. Dieses Phänomen sollte man aber keinesfalls dem Reiseveranstalter anlasten, da es meiner Erfahrung nach überall in der Welt schlecht aussieht mit solchen Geschichten. Wer mal auf einer Autobahnraststätte war und bei der Rückkehr aus einem siffigen Kabuff vom Lokusvorsteher um Bares angehauen wurde, weiß wovon ich rede.
Aber ich schweife ab!

Blick auf YosemiteEinige Kilometer und viele herrliche Ausblicke später erreichten wir den Eingang des Nationalparks, der durch einen Stau markiert war. Bereits hier war die Landschaft wunderschön; wenn man sich den Oberharz mit knorrigen Kiefern und Felsen vorstellt, bekommt man so etwa ein Bild davon. Nach Entrichten der notwendigen Gebühren (übrigens im Preis für die Rundreise enthalten) fuhren wir zu einem Aussichtspunkt, der zwar von Leuten wimmelte, von dem aus man aber eine wahnsinnige Sicht auf den El Capitan, einen monumentalen Felsen, hatte. Hier zeigten sich dann auch gleich zwei Bewohner dieser Gegend, die uns recht oft begegnen sollten: Erdhörnchen und blaue Vögel. Erstere waren ziemlich zutraulich und ernteten zum Teil mehr Aufmerksamkeit als das atemberaubende Panorama, und die Vögel waren als Farbtupfer in dunkelgrünem Gehölz begehrte Fotoobjekte. Leider weiß ich nicht genau, wie sie heißen, aber falls mal jemand dies liest, der ornitologisch bewandert ist, möge er mir den Namen mailen!


Das hat bereits jemand getan, nämlich Suzanne aus Huntington Beach. Der Name der Vögel ist: Stellar's Blue Jay...
Weiter schreibt sie:
Sure liked your report about your trip to the US! Just stumbled upon it by accident (from Sanny's page) and ended up reading it instead of going to bed. I found many of your descriptions hilarious and it reminded me of my first impressions I had when I came to the US...which, by the way, is a LONG time ago....
Suzanne (from Huntington Beach, CA)

Ein weiterer Halt direkt am Fuße des El Capitan erforderte Feldstecher, denn in der Wand waren Kletterer unterwegs, die, wie man uns sagte, für den Aufstieg durchaus mehrere Tage benötigen können. Es soll auch schon mal jemanden gegeben haben, der beim Aufstieg verunglückt war und einige Zeit später querschnittsgelähmt hochstieg. Mir persönlich könnte man eine Leiter hinstellen, ich würde trotzdem unten bleiben!
Leider bezog sich hier der Himmel, und es fing an zu nieseln. Zwar klarte es noch ein wenig auf, doch waren die Gipfel der imposantesten Berge stets in Wolken, so daß ich leider keine Gelegenheit bekam, den Half Dome aufs Zelluloid zu bannen. Der Half Dome ist ein weiterer, meiner Ansicht nach noch schönerer Felsen, den Ansel Adams, ein Altmeister der Photographie, sehr häufig und ausgesprochen eindrucksvoll ablichtete. Falls ich noch herausbekomme, wem ich die Postkarte geschickt habe, werde ich sie der Vollständigkeit halber mal einbauen.


Hab' sie gefunden!
Yosemite-Postkarte

BachGegen Mittag erreichten wir das Besucherzentrum in der Nähe der Yosemite Falls. Knapp drei Stunden lang hatten wir hier Zeit, die Umgebung zu erkunden. Während einige sich gleich den kulinarischen Genüssen des Restaurants widmeten und andere sich Fahrräder mieteten, unternahmen wir einen Spaziergang durch den Wald.
Die Yosemite Falls sind recht eindrucksvoll, nicht zuletzt weil man an ihnen nur schwerlich trockenen Fußes vorbeikommt. Das Wasser trifft aus so großer Höhe auf und zerstäubt so stark, daß die Brücke, die unterhalb der Fälle den Fluß überquert, einer Freiluftdusche gleicht. Wir bewältigten dies durch Hochziehen der Kapuze und Rennen, und dennoch waren wir auf der anderen Seite einigermaßen angefeuchtet.

WaldAls wäre dies nicht Abenteuer genug gewesen, suchten uns kurze Zeit später Unmengen von Mücken heim - logisch bei so viel Wald und so viel Wasser. Die nächsten Meter waren jedenfalls geprägt von stetigem Wedeln und Schlagen, denn die Viecher waren allgegenwärtig. Immerhin hinterließen sie seltsamerweise keine juckenden Stiche, und sie waren uns allemal lieber als Waldbewohner anderer Gattungen, die mit Wedeln nicht so leicht zu vertreiben gewesen wären. Auch wenn Yogi Bär ein friedliebender Geselle ist, seine pelzigen Kollegen sind anscheinend robusterer Natur, weswegen insbesondere vom Liegenlassen von Eßbarem abgeraten wird; man zeigte uns Fotos von demolierten Metall(!)mülleimern, und anscheinend ist auch ein handelsüblicher Kofferraum nicht vor dem Hunger von Meister Petz sicher. Im Besucherzentrum verlieh man sogar Holzprügel, doch glaube ich nicht so recht daran, daß ein solches Instrument wesentlich wirksamer ist als hinlegen und vor Angst in die Hose machen!
Nun, die Begegnung mit einem solchen Kameraden blieb uns erspart, und wir begaben uns schließlich mit Bärenhunger zurück zum Besucherzentrum.

Zwei weitere landesübliche Kuriositäten ereigneten sich im dortigen Restaurant. Zunächst wurde ich beim Bestellen von Vatterns Bier nach meinem Ausweis gefragt. Ich hatte wohl von den recht rigoros eingehaltenen Bestimmungen über den Verkauf von Alkohol gehört, doch war ich überrascht, daß die Dame am Tresen mich um knapp vier Jahre unterschätzte! Ich konnte sie nach Vorlage meines Passes davon überzeugen, daß mein 21. Geburtstag schon eine Weile her war und verbuchte ihre Fehleinschätzung kurzerhand als Kompliment.
Yosemite Falls
Blick auf die Yosemite Falls
© Großfamilie B.
Des weiteren bestellte ich eine Pizza und bekam darauf ein kleines schwarzes Instrument der Firma Motorola in die Hand gedrückt, das kaum nach Pizza aussah und mir daher Rätsel aufgab, doch erschien dieser Brauch auf den zweiten Blick ganz sinnvoll: Wir konnten uns nämlich in Ruhe draußen einen Platz sichern und wurden dann durch das Brummen und Vibrieren des Geräts auf die Fertigstellung unseres Essens hingewiesen. Keine schlechte Idee - auf diese Weise ersparen sich die Leute das Bedienen (die Pizza war auch ausgesprochen erschwinglich) und das Herumbrüllen von Nummern, das man bei dem Andrang sowieso nicht hören würde.
Wir erstanden noch ein paar Postkarten und verließen gegen drei Uhr nachmittags den Park entlang eines Flusses, auf dem sich Schlauch- und Raftingboote durch die Fluten schifften. Ich selbst sah leider nichts davon, da ich auf der falschen Seite saß, aber man berichtete mir, daß der Fluß ein wenig eigenwilliger wäre als beispielsweise der Mittellandkanal, und daß von daher längst nicht jede Bootstour von Gelingen gekrönt war. Na ja, es war nicht eben tropisches Wetter, und das Wasser war bestimmt so kalt: |---------------|

Fruit BarnWir erreichten nach einigen Stunden Fahrt wiederum tiefer gelegene und somit wärmere Gefilde und machten Halt an einem Obstladen namens 'Fruit Barn'. Hier bekam man die Erzeugnisse des kalifonischen Obstanbaus zu kaufen, insbesondere Kirschen und Dörrobst. Allerdings verkaufte man auch Hüte, Postkarten sowieso, Mokkassins, Schmuck und allen erdenklichen Krempel. Ich hielt mich da lieber an die Rosinen, die wir vormittags in Oakhurst gekauft hatten und die ich an die Busscheibe geklemmt hatte, wo die Klimaanlage sie herrlich kühl hielt.

Unser Hotel lag in Modesto und gehörte zur 'Holiday Inn'-Reihe. Der Reiseleiter sprach von einer kurzfristigen Umdisponierung, ich nehme an, da wir eigentlich über den Tiogapaß hätten fahren sollen, der aber wegen Schnees ganzjährig gesperrt war. Doch auch wenn er sprach, als müsse er sich für die Wahl des Holiday Inn entschuldigen, ich fand das Hotel gar nicht mal übel! Insbesondere zumal es einen großen Innenteil mit Restaurants, Whirlpool, Swimmingpool und Billardtisch gab. Doch bevor ich mich abermals in die Fluten stürzen konnte, folgten wir einer Empfehlung des Reiseleiters und gingen im 'Fresh Choice' essen. Hier handelte es sich um einen All-you-can-eat-Laden, wo man nach dem Salatbuffet einmal bezahlte und sich dann reinschieben konnte, was man wollte!
Das war freilich was für mich! Da gab es Nudeln mit diversen Soßen, Suppen, Knoblauchbrot, Eis, Pudding, Muffins und andere Kuchenarten, und nicht zuletzt eine reichhaltige Auswahl an Softdrinks, die ich allesamt ausprobierte. Nun ja, auch hier trennen sich amerikanischer und europäischer Geschmack. Es gab höllisch süße Orangenbrause, die noch ganz erträglich war, aber was ich mir unter den seltsam klingenden Namen Root Beer oder Dr. Pepper's einschenkte, war einfach nur grausam! Als wenn man billige Pfefferminzbonbons oder Hustensaft in Sprudel auflöst!

Oldtimer in Modesto (Das Auto!!!)Gut gesättigt beschlossen wir den Ausflug mit einem kurzen Einkauf, um das Frühstück für den nächsten Morgen zu sichern. Es stellte sich abermals heraus, daß man Schwierigkeiten bekommt, wenn man in einem amerikanischen Supermarkt nach Frühstückskomponenten sucht. Ich hätte für Müsli plädiert, stieß damit jedoch nicht auf Gegenliebe, und auch die riesigen Milchpackungen wären hinderlich gewesen. Über Brötchen hatte ich ja schon gesprochen, und so einigten wir uns fünf Minuten vor Ladenschluß auf Kekse und Donuts und hofften darauf, daß uns die Kaffeemaschine im Hotelzimmer nicht im Stich lassen würde. (Tat sie auch nicht, aber das Gebräu war nicht so der Hammer...)
Wieder im Hotel, machten wir uns daran, unseren selbst angerührten Eistee zu kühlen. Auf der Kommode stand ein Eimerchen mit passender Tüte, im Flur stand eine Maschine, der Rest war Improvisation:

Das Prinzip funktionierte, und so weiteten wir die Methode später noch aus und verwendeten in L. A. den Mülleimer oder auch die Badewanne zum Kühlen. Schon erstaunlich, wie viel Eis man aus so einem Automaten herausbekommt!

Eine knappe Stunde blieb mir noch, um mich im Pool zu entspannen. Ich kam mir zwar dank der umliegenden Restaurants ein wenig beobachtet vor, doch kannte mich dort sowieso keiner, und so drehte ich gemächlich meine Runden, bevor ich mich triefend zum Zimmer begab, noch ein paar Postkarten schrieb und nebenher Steve Urkel im Original sah. (Die deutsche Synchronstimme ist fast noch harmlos...) Um halb elf entschloß ich mich endlich zu nächtigen, was angesichts des folgenden Tages auch nicht verkehrt war...

Die Route dieses Tages:
Route Visalia - Modesto


14. Juni: Modesto - San Francisco