Einen langen Tag soll man beginnen mit einem ausgiebigem Frühstück. Und so geschah es, denn das Ramada bot seinen Gästen ein üppiges Buffet (zu einem ebenso üppigen Preis), unter anderem mit einem RIESIGEN Eimer voller Melonenstücke, mit armen Rittern und ulkigen Würstchen. (Na ja, besser als andersrum...)
Zu einer äußerst frühen Stunde setzten wir also die Füße auf San Franciscos Asphalt und bewegten uns unsicheren Schrittes die Market Street hinunter. Bis hin zum Qualm aus den Schächten war alles genau so, wie man sich das vorstellt: Menschen auf dem Weg zur Arbeit, das Frühstück in Form eines Kaffeebechers noch in der Hand; Penner, vor denen selbst die Leute an Hannovers Kröpcke Angst bekämen; Musik aus Ghettoblastern, Müll, Dreck und Sonnenschein. Die Kamera fest umklammert, bahnten wir uns den Weg zur Cable Car Station Market Street.
Der Betrieb dieser Geräte ist eine Wissenschaft für sich. Hier, an der Endhaltestelle, rollt man das Wägelchen zunächst auf eine Drehscheibe aus Holz. Das Umdrehen ist dann Handarbeit: Mit bloßer Körperkraft bugsieren ein oder zwei Leute das Gefährt im Kreis herum, bis es wieder in Richtung Schiene zeigt. Das erste Stückchen Weg bis zum Kabel wird geschoben, und dann kann es losgehen! Mit recht heftigen Bewegungen verwaltet der Mann im vorderen Teil drei oder vier Hebel, mit denen er Kabelgreifer und Bremse steuert. Wir begannen unsere erste Fahrt auf dem hinteren Trittbrett. Es wäre im Inneren sehr wohl Platz gewesen, aber wo bliebe da das richtige Feeling! Stattdessen ließen wir uns also den Wind um die Nase blasen und genossen den Ausblick auf die morgendliche Stadt. Alsbald wurden wir von einem Mann angesprochen, der auch auf unserem Trittbrett stand und irgendwie zwei Dollar von mir haben wollte. Mir paßte das gar nicht so, da ich auf Betteln nicht unbedingt kann, aber da blockierte mir wohl die Faszination eine Leitung, denn der Herr war der Schaffner. Mit etlichen Entschuldigungen zog ich unsere Tagestickets aus der Tasche und erkundigte mich bei der Gelegenheit gleich nach technischen Details dieser urigen Gefährte:
Einen guten halben Meter unter der Straße verläuft also ein Drahtseil, das in ständiger Bewegung ist. Der Mann an den Hebeln betätigt einen Greifer, der in die Straße ragt und das Seil packt, wodurch der ganze Karren vorwärts gezogen wird. In der Praxis funktioniert das etwa so komfortabel wie eine Pferdekutsche, zu deutsch: Es ruckelt ohne Ende, und gerade an starken Steigungen steigt einem schon mal die Furcht in die Knochen, aber der Kultwert ist einfach enorm hoch. Geschwindigkeit des Systems: Immerhin 15 Klamotten.
Es gibt noch mehr Wissenswertes:
Die Cable Cars wurden 1873 vom Sohn eines englischen Kabelfabrikanten (!) erfunden. Vor gut hundert Jahren verkehrten rund 500 Wagen auf über 175 Kilometern, während heute nur noch drei Linien in Betrieb sind, zwischen 2,8 und 6,5 Kilometer lang. Auch wenn die Wartung des Systems recht aufwendig ist (Das Drahtseil unter der California-Linie wird etwa jedes Vierteljahr komplett erneuert), sind die Cable Cars so beliebt, daß ihre geplante Abschaffung 1947 wegen immenser Proteste verhindert wurde und sie heute unter Denkmalschutz stehen. Eine Fahrt kostet zwei Dollar, ein Tagesticket sechs Dollar.
Für uns endete die erste Fahrt an der Lombard Street, auch 'Crooked Street' genannt. Schaut man sich das Bild an, weiß man, warum: Die Straße hatte einst an dieser Stelle eine so enorme Steigung, daß man hier tatsächlich Serpentinen einbaute und diese sehr hübsch bepflanzte. Die Autos, die hier herunterfahren, tun das wegen der Enge der Straße äußerst langsam und natürlich nur in einer Richtung. Es heißt aber, dieses Stückchen Straße sei so beliebt, daß Autofahrer zuweilen Schlange stehen, nur um einmal den gewundenen Parcours befahren zu dürfen. Uns blieb diese Erfahrung mangels Auto leider vorenthalten, und zum Glück gibt es für Fußgänger eine Treppe neben der Straße, so daß wir den Verkehr nicht noch zusätzlich aufhalten mußten.
Unser nächstes Ziel war abermals der Hafenbereich. Auf dem Weg dorthin passierten wir eine ganze Reihe von Läden, darunter ein Ramschgeschäft, das ebenfalls Nummernschilder zu verkaufen hatte. Mitten im schönsten Wühlen sprach uns der Verkäufer an: "Sucht Ihr 'was Bestimmtes?", das ganze mit süddeutschem oder österreichischem Akzent. Dies sollte nicht der letzte Emigrant sein, dem wir begegneten, doch war dieser hier komisch, da er bei ersten Fragen nach seiner Auswanderung sofort im Laden verschwand - er wird wohl seine Gründe gehabt haben, hierher zu kommen...
Wir auch! Uns zog es erneut zur Fisherman's Wharf, wo wir Souvenirläden abklapperten, um für meine Mutter eine Cable Car aus Holz zu bekommen. Man glaubt ja gar nicht, wie groß die Auswahl an solchen Dingern ist. Die Suche blieb jedenfalls vorerst erfolglos, doch erstanden wir andere Mitbringsel, so etwa Nummernschilder mit Vornamen, eine Tasse, eine Schirmmütze gegen Sonnenstich, und ich erfüllte mir den langgehegten Wunsch nach einem Hut, den ich für den Rest des Tages voller Stolz durch die Stadt trug - immerhin kennt mich da keiner!
Das Wetter rechtfertigte das Tragen einer Kopfbedeckung ohnehin, da die Sonne wie verrückt vom Himmel knallte. Das bedeutete aber auch, daß der Nebel heute Ruhetag hatte, weswegen ich natürlich auf einem dritten Besuch bei meiner orangen Freundin bestehen mußte! Dieses Unternehmen erforderte die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs, und da die Cable Cars leider nicht bis dorthin verkehren, ließen wir uns auf das Abenteuer ein, Bus zu fahren. (Für Busse gelten dieselben Tickets wie für die Cable Cars)
Nun ist ja Busfahren eigentlich eine alltägliche Angelegenheit, doch wird die Geschichte ungleich interessanter, wenn man weder mit der Linienführung noch mit den Gepflogenheiten vertraut ist. So ist beispielsweise der vertraute HALT-Knopf in amerikanischen Bussen nicht vorhanden. Stattdessen führt ein dünnes Drahtseil an den Fenstern vorbei, das vorn eine Bimmel bedient, um den Fahrer zum Halten zu veranlassen. Nun gut, das war so eben noch zu bewältigen, doch gestaltete sich das Aussteigen umso schwieriger, da sich die Türen nicht von allein öffneten! So mußte man im ersten Fall die Treppe hinuntersteigen, um durch einen Kontakt in der Stufe die Pforte zu öffnen. Im zweiten Bus weigerte sich die Tür jedoch beharrlich, auf mein Gewicht (!) zu reagieren. Grund genug für die restlichen Businsassen, ein irres Geschrei zu veranstalten, das ich nicht recht deuten konnte, bis ich darauf kam, dieses Modell könnte eines der interaktiven Sorte sein. Und tatsächlich - die Tür wollte per Hand gedrückt werden! Noch nie war ich so froh, einem Bus entronnen zu sein.
Die Busfahrer erwiesen sich übrigens als äußerst hilfsbereit; einer hielt sogar beim Wegfahren noch mal an und zeigte uns, wo wir den Anschlußbus finden würden. Das klappte auch alles ganz hervorragend, und gegen halb zwölf Uhr mittags standen wir tatsächlich wieder am Fort Point. Hier wurde mir dann schlagartig klar, daß ich die meisten Fotos des Vortages würde eintüten können, denn heute bot die Brücke ein Bild, das das Herz eines jeden Fotografen Purzelbäume schlagen ließe.
Was rede ich - hier ist sie:
Ein schmuckes Stückchen Stahl haben sich die Leute da hingebaut, gell?
Endlich hatten wir die Zeit, uns das gute Stück aus der Nähe anzuschauen und einigten uns darauf, es den 18000 Besuchern bei der Einweihung gleichzutun und zu Fuß über die Brücke zu laufen - na ja, zumindest bis zum ersten Pfeiler, was in zwanzig Minuten ganz gut zu bewältigen ist. Auffälligerweise hat man sich nicht die Mühe gemacht, Fahrbahn und Fußweg markant voneinander zu trennen, und auch das Geländer ist alles andere als Suizidsicher, weswegen es auch schon viele gegeben hat, die durch einen Sprung in die Bucht zu einem kühlen Ende kamen. Immerhin - weitaus stilvoller als eine Überdosis im Bahnhofsklo von Bad Salzdetfurth, und zudem von den Kosten her durchaus vergleichbar!
Uns stand natürlich nicht so der Sinn nach einem Bad, vielmehr nach einem weiteren Cable Car-Ritt! Unser Weg führte uns also - wiederum per Bus, was dank einer kompletten Schulklasse echt gemütlich war - abermals zu einer Endstation, in diesem Fall Hyde Street, recht nah am Hafen. Mittlerweile zeigte die Uhr kurz nach Mittag an, und so waren auf diese Idee schon andere gekommen, weswegen wir eine knappe Stunde mit Warten zubrachten und dabei das Cablecardrehmanöver so oft begutachteten, daß man uns vom Fleck weg hätte einstellen können.
Die Menschenmenge hatte zwei Nebeneffekte: Zum einen fühlten sich ein paar Straßenmusiker zu dem Pulk hingezogen und erhofften sich (zu unrecht) Spenden, zum anderen bot diese Anzahl von Leuten Gelegenheit zu Verhaltensstudien. Es waren nämlich unter den Wartenden zwei Damen, die die Aufmerksamkeit aller auf sich zogen; die eine, da sie einen äußerst modischen (...) Hut mit rosa Federn trug und eine Lache am Leib hatte, mit der man sie als Nebelhorn hätte einsetzen können, die andere, da sie mit rot-weißem Ringel-T-Shirt und Leggings nicht minder auffällig gekleidet war. - Was an einer solchen Kluft auffällig ist? Och, eigentlich nichts, aber alles ab zehn Quadratmetern Stoff fällt eben ins Auge! Dieses Mädel bestätigte ein landläufiges Vorurteil, nämlich, daß die Hälfte der Amerikaner dem Schlankheitswahn verfallen ist und die andere Hälfte das genaue Gegenteil praktiziert; dieses Exemplar gehörte jedenfalls zur anderen Hälfte. Ich habe übergewichtige Menschen - und das ist eine wohlwollende Formulierung - noch nie in einer solchen Konzentration gesehen wie hier.
Kurz bevor die Sonne uns durchgebacken hatte, kamen wir endlich los und gurkten die Hyde Street hinauf. An der Ecke Powell / California stiegen wir um und fuhren so zum Endpunkt Van Ness Avenue - nicht ohne Grund, denn hier befand sich ganz in der Nähe das Hard Rock Café, in dem ich unbedingt ein T-Shirt und eine Baseballmütze kaufen mußte! (Pflichtmitbringsel)
Vom kulinarischen Angebot des Cafés nahmen wir allerdings Abstand. Stattdessen liefen wir die Straße hinauf und hofften, das Vorurteil An jedem Block ein Fastfoodladen würde sich bewahrheiten. Da hatten wir uns aber kräftig geschnitten, denn gerade in San Francisco trifft das nicht so zu, wohingegen L. A. wirklich mit solchen Buden gepflastert ist! Der Marsch wurde jedenfalls recht lang und führte uns auch an einem Restaurant mit deutscher Küche vorbei, das allerdings so eklig war, daß wir lieber hungrig weiterliefen, als uns hinein zu begeben. Und siehe da: Kurz vor Ende unserer Kräfte standen wir tatsächlich vor einer Burger King-Filiale und konnten uns endlich die Wampe vollhauen!
Nach einem Blick auf den Stadtplan hatte ich entschieden, eine Sehenswürdigkeit für den Nachmittag aufzuheben, da man von Westen her darauf schaut und ich die Sonne im Rücken haben wollte. Ein weiteres Mal bemühten wir das Busnetz und fuhren die Fulton Street hinauf bis zum Alamo Square.
Hier, entlang der Steiner Street, stehen die wohl berühmtesten Häuser San Franciscos aus viktorianischer Zeit, die sogenannten 'Painted Ladies', bekannt unter anderem aus der Fernsehserie 'Full House'. Das Tolle dabei war, daß ich seit mehreren Jahren ein Bild der 'Postcard Row' als Bildschirmhintergrund besaß und jetzt tatsächlich an dem Punkt stand, an dem es aufgenommen wurde. (Daß ich selbst eine ganze Reihe von Fotos schoß, versteht sich von selbst.)
Nebenher bemerkt würde es mich mal interessieren, wer in diesen Häusern tatsächlich wohnt! Klingeln mochten wir nun aber auch nicht...
Eine Weile gönnten wir uns noch Ruhe und verweilten vor dieser herrlichen Kulisse, dann machten wir uns auf den Weg zurück zum Bus, um die letzten Programmpunkte für heute abzuarbeiten - ein Kaufhaus begutachten und endlich eine Cable Car aus Holz kaufen!
Die Fahrt zurück in die Innenstadt war diesmal alles andere als gemütlich. Zunächst mußten wir an einer Bushaltestelle warten, an der sich einige lärmende und unsympathische Gestalten herumtrieben und einen Sportwagen umlagerten, als wollten sie ihn zu einer nicht autorisierten Probefahrt nutzen. Wir waren jedenfalls schon mal froh, als wir im Bus waren, doch erwartete uns in der City das blanke Chaos. War am Morgen noch alles ruhig und gemütlich gewesen, so herrschte jetzt Feierabendverkehr und eine Bullenhitze. Hinzu kam, daß ich einen höllisch schweren Rucksack mit mir herumschleppte und mir demnach schon die Schultern schmerzten. So konnte ich mich für das Kaufhaus (Macy's - C&A für versnobte Amis) ebenfalls nicht recht erwärmen und drängte auf ein zügiges Abarbeiten dieses Punktes, was aber nicht im Interesse aller Familienmitglieder lag ;-)
Dafür war dann aber auch das letzte Stück mit der Cable Car keine rechte Freude, denn das Ding war so überfüllt, daß ich praktisch mit den Füßen im Wagen stand, während der Rest von mir verbogen aufs hintere Trittbrett ragte. Der Schaffner war offensichtlich gereizt und wollte uns eigentlich gar nicht mitfahren lassen, aber er mußte mich ja nicht heiraten, von daher konnte ich damit leben, ihm auf den Sender zu gehen.
Trotz allem erreichten wir die Bay Street und machten uns zum letzten Mal auf den Weg zur Fisherman's Wharf. Dabei ließen wir natürlich keinen einzigen Souvenirladen aus und nervten unzählige Verkäuferinnen, bis wir endlich zwei hölzerne Wägelchen, ohne kitschige Farben und ohne Spieluhr, erstanden hatten.
Jetzt war der Tag fast komplett. Es fehlte ein letzter Besuch der öffentlichen Bedürfnisanstalten (indiskutabel) sowie ein Halt an unserem Burgerladen zwecks Organisieren von kostengünstigen Getränken. Einmal noch Hafenluft schnuppern und kurz im Angesicht der Pier verharren, dann wuselten wir mit diversen Bussen in Richtung Hotel.
(Ganz im Vertrauen: Ich hatte den Stadtplan und somit die Aufgabe des Lotsen. Wir landeten immer, wo wir hinwollten, und stets strebte ich scheinbar zielsicher vorwärts. Natürlich gab ich nie zu, daß ich gerade den Überblick verloren hatte, und das kam nicht gerade selten vor...)
So betraten wir gegen viertel nach sieben abends wieder das Ramada und waren mausetot. Es reichte noch zum Schreiben von ein oder zwei Postkarten und zum Betätigen des Fernsehers, dann übermannte uns der Schlaf.
Die Route dieses Tages:
Ich habe versucht, die Route nachzuvollziehen und in einer gescannten Karte der Innenstadt einzuzeichnen. Dieses Unterfangen kostete einiges an Schweiß und führte zu einem GIF-Bild von immenser Größe. Wer Interesse daran hat, möge mir mailen, ich schicke es gern zu.