Nach dem doch recht anstrengenden Tag in San Francisco kam es uns einigermaßen gelegen, daß die heutige Route recht lang werden sollte und wir uns somit im Bus ein wenig ausruhen konnten.
Nach dem Frühstück, das wir abermals am Buffet einnahmen (mich hätte es gereizt, auf eigene Faust etwas zu suchen, aber die Zeit war knapp), packten wir unsere Koffer und bestiegen den Bus, wo wir eifrig die Erlebnisse des vorigen Tages austauschten und feststellten, daß sich wiederum viele Programmpunkte mit denen deckten, die die andere Großfamilie abgearbeitet hatte. (Einzig das Museum of Modern Art hatten wir irgendwie nicht auf unserer Liste)
Um halb acht starteten wir durch ein verschlafenes San Francisco nach Süden und kamen noch einmal an einigen markanten Punkten vorbei. Darunter war auch ein Haus, das offensichtlich künstlerisch wertvoll sein sollte, was ich aber wiederum nicht verstand. Hier hatte man einen ganzen Haufen Möbel von außen ans Haus geklebt - offensichtlich teilte der Reiseleiter meine Meinung und nannte das Werk "eine eigenwillige Art, Sperrmüll zu machen".
Unser Weg führte uns über den Highway 101 nach Monterey. Hier spielt John Steinbecks Roman 'Straße der Ölsardinen', und noch heute merkt man sehr stark die Einflüsse, die die Sardinenfischerei auf diese Gegend hatte. Entlang dem Strand stehen nach wie vor die großen Fabriken, in denen der Fisch in die Dose kam und von denen der Name 'Cannery Row' herrührt. Heutzutage ist dieser Landstrich eher vom Tourismus bestimmt, immerhin ist die Landschaft hier auch außerordentlich hübsch.
Der Stop hier war nicht allzu lang, und ich verbrachte ihn in der Hauptsache damit, einen halben Kilometer zurückzulaufen, da ich unbedingt ein riesiges Wandbild mit Walen fotografieren wollte, an dem wir vorbeigekommen waren. Es gab außer der Büste von Herrn Steinbeck und dem obigen Strand aber auch nicht so viel zu sehen.
Dementsprechend kam ich fast in letzter Minute zum Bus zurückgehetzt und durfte wenig später schon wieder aussteigen, da wir alsbald Carmel erreichten. Carmel ist ein langgestrecktes Städtchen am Pazifik, das als Künstlerkolonie gilt und mich vor allem durch die langen Alleen mit kleinen und aufwendig gestalteten Häusern begeisterte. Eins ist mir ulkigerweise nicht aufgefallen, nämlich, daß es in Carmel weder Ampeln noch Straßenlaternen gibt. Ich habe das erst vor fünf Minuten gelesen, aber je mehr ich darüber nachdenke - es stimmt! Als Begründung steht hier (Neue Horizonte: 'Kalifornien', Kartographischer Verlag Busche 1994), daß die Leute in Carmel versuchen, die Zeit anzuhalten, und wenn man durch den Ort läuft, hat man wirklich den Eindruck, in der Vergangenheit zu sein. Kein Verkehrslärm, keine Hochhäuser, kaum Leute auf der Straße - für einen Dienstagmittag war der Ort wirklich ziemlich verlassen.
Wir hatten eineinhalb Stunden Zeit und gingen die Hauptstraße hinunter zum Strand. Zum ersten Mal standen wir jetzt also am Pazifik und nutzten die Gelegenheit, um die Hosen hochzukrempeln und die Füße ins Wasser zu stellen. Dabei war das enttäuschende am Pazifik, daß er sich beim bloßen Drinstehen ziemlich genau so anfühlte wie die Nordsee - sogar die Temperatur stimmte in etwa. Als ob mir das Meer diesen frevelhaften Gedanken übelnahm, ließ es eine Welle an den Strand rollen, dank der ich die nächsten Stunden mit nasser Hose verbrachte. Das hatte ich nun davon! Immerhin entdeckte ich jetzt etwas, das ich an der Nordsee noch nicht gesehen habe: Seepeperonis! Das Meer spülte irgendwelche Algen an den Strand, die rotbraun waren und der Form nach ziemlich genau so aussahen wie dicke Pfefferschoten mit einem langen Blatt dran.
So sehr wir das Planschen auch genossen, wir mußten uns um etwas zu beißen kümmern. Weiter oben im Ort fanden wir schließlich ein Geschäft, das die ulkige Kombination von Pizza, Sandwiches und Windbeuteln anbot, so daß für jeden von uns etwas dabei war. Den Rest der Mittagspause verbrachten wir in einer kleinen Einkaufspassage, die sehr aufwendig gestaltet und mit einer Unmenge an Blumen dekoriert war und in der es einen unterirdischen Bücherladen gab.
Es verwundert angesichts der Gemütlichkeit dieses Ortes kein bißchen, daß es seit jeher viele Künstler hierher gezogen hat. Carmel kann man sich als idealen Alterswohnsitz vorstellen - vorausgesetzt, man schafft es noch, die Straßen hochzulaufen...
Ein weiteres Mal hatte das Wetter etwas gegen mich, denn am Nachmittag wurde es diesig. Der Highway No. 1, den wir jetzt befuhren, bot so viele Ausblicke und Panoramen, daß man Wochen damit verbringen könnte, ihn entlangzufahren und nach den spektakulärsten Plätzen Ausschau zu halten. Für uns beschränkte sich das Vergnügen jedoch auf einige wenige Stops und ein paar durchschnittliche Fotos mit hauptsächlich Dunst darauf.
Die Bilderflaute gibt mir Gelegenheit, ein Wort über unseren Busfahrer Mike zu verlieren. Der Mann leistete ausgezeichnete Arbeit und kurvte uns überall sicher hin. Er war der Statur nach Footballspieler oder ähnliches und schlich stets leicht vornüber gebeugt durch die Landschaft, weswegen er nicht minder wuchtig wirkte. So gab er ein ulkiges Bild ab, als er in Modesto zusammen mit einem Kollegen und einem Wasserschlauch barfüßig hinter dem Hotel rumplanschte, um den Bus zu waschen.
Markant war aber auch die Pose, in der er bei Stops neben der Bustür stand. Ohne eine Bewegung wartete er, ob jemand herausgeleitet werden wollte, und hielt hilfsbereit die Hand hin. Gegen Ende der Reise legten wir ihm bei einem Halt eine Dollarnote in die Hand, was ihn arg überraschte...
Die Fahrt an der Küste entlang war nicht so besonders spannend, was zwar größtenteils am Wetter lag, doch gab es auch nicht allzuviel zu sehen. Die bizarren Felsformationen lagen im Dunst und eine Horde von See-Elefanten war nur aus der Ferne zu sehen, so daß wir es fast schon als spannend empfanden, an einer der zahlreichen Baustellen entlang des Highway 1 vorbeizukommen. Es ist nämlich keineswegs selbstverständlich, die Straße passieren zu können, da immer wieder Erdrutsche große Teile der Fahrbahn ins Meer reißen. Wir hatten Glück, da die Strecke erst vor kurzem wieder freigegeben worden war, obwohl man an einigen Stellen nur auf einer Spur durchkam. An einer solchen Stelle stünde bei uns unter Garantie eine Ampelanlage oder zwei Bauarbeiter, die über Funk regeln, welche Seite den Engpaß befahren darf. Nicht jedoch hier! Hier bekam der letzte Fahrer auf der einen Seite eine Fahne mit auf den Weg, die er dem Bauarbeiter auf der anderen Seite gab, der dann seinerseits die Fahne wieder dem letzten mitgab und so weiter. Dieses System ist natürlich gegenüber der Methode mit den Funkgeräten erheblich billiger und eine nette Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, allerdings versagt das Prinzip, sobald der Verkehr etwas einseitig fließt! Dann steht auf der einen Seite der Mann mit der Fahne und hat niemanden, dem er sie geben kann, während auf der anderen Seite die Schlange länger und länger wird...
Unser nächster Halt hieß Ragged Point und war auf den ersten Blick eine Tankstelle mit Laden, direkt an der Küste. Folgte man aber einem Pfad hinter die Cappuccinobude (in der es den besten Cappuccino der gesamten Reise gab - und den einzigen, der korrekt zubereitet wurde), dann kam man in einen Blumengarten, in dem die ulkigsten Pflanzen wuchsen, von weißem Lavendel bis hin zu diversen Orchideenarten in unglaublichen Farben. Die Anlagen umrahmten einen kleinen Teich mit Goldfischen und waren liebevoll gepflegt. Wenn man an einem solchen Fleck mit allem rechnet, so doch garantiert nicht damit!
Vor unserem heutigen Ziel, Ventura Beach, legten wir noch eine letzte Pause in Santa Barbara ein, wo wir uns kurz eine Pier anschauten. Hier gab es aber ebenfalls nicht viel zu sehen außer einem Restaurant mit einigen Pelikanen auf dem Dach, die ebenselbiges kunstvoll verzierten. (Die Kürze des Stops nötigte die weiblichen Mitreisenden zu abermaligem Schlangestehen vor derselben Beschäftigung...)
Das letzte Hotel der Rundreise trug den klangvollen Namen 'Sheraton Four Points Ventura Harbortown'. Der Hafen war in einiger Ferne auch zu erkennen, die vier Punkte vermißte ich allerdings. Einzig die Preise im angeschlossenen Restaurant, das man - sehr stilvoll - über eine langgezogene Fußgängerbrücke erreichte, zeugten von Klasse. Auch wenn das Essen recht gut war, das beste an diesem Haus war die Bedienung, die durchaus ihren Spaß hatte an unseren Versuchen, die Speisekarte zu deuten. Immerhin, wir bekamen Heilbutt, Steak und Pasta - so in etwa, was wir uns vorgestellt hatten. Auch erwies sich das Mädel als aufmerksam, zumal sie mitbekam, daß Muttern hustete, und ihr prompt ein Bonbon brachte!
Das abendliche Bad im Hotelpool war mittlerweile zum Pflichtpunkt geworden, und auch heute latschte ich durch die Dunkelheit und suchte verzweifelt den Ausgang aus dem recht verwinkelten Bau. Die Rezeptionstante schaute mich ein wenig blöd an, als ich mit Handtuch und Latschen aus dem Fahrstuhl stieg, aber das konnte mich nicht schrecken - wenige Minuten später hatte ich den Pool gefunden...
...und durfte gleich wieder zurück ins Zimmer, da man die Pooltür nur mit der Schlüsselkarte aufbekam. (Alle Hotelschlüssel waren Magnetkarten! Eigentlich sehr komfortabel, allerdings auch recht unzuverlässig, wie einige Mitreisenden feststellen durften...) Mehrere dösige Rezeptionstantenblicke später betrat ich also endlich das kühle Naß, wo sich bereits zwei Gestalten aufhielten und Ball spielten. War also nix mit ungestörtem Schwimmen, ich machte mich auf zum Whirlpool, der in einer futuristischen Glaskugel lag (siehe Foto oben). Aber auch dieses Vergnügen war mir nicht vergönnt, da man für diese Tür wieder einen anderen Schlüssel brauchte. Beim Gedanken daran, nochmals bei meiner Freundin an der Rezeption vorzusprechen, die sich schon bei der Bitte um einen Fön schwergetan hatte, verging mir die Lust auf Baden, und ich gab auf.
Die Route dieses Tages: