Es galt den Luxus des Hotels ein letztes Mal auszukosten, und so ließen wir des Morgens um sieben den Zimmerservice anrollen. Wir hatten bis zwölf Uhr Zeit, auszuchecken, und packten demgemäß in aller Ruhe unsere Koffer, die wir um halb elf der Gepäckaufbewahrung in der Lobby übergaben. Der Haken dabei war, daß der Knabe nicht für die Unversehrtheit meines Hutes garantieren konnte und ich ihn deshalb den ganzen Tag lang mit mir 'rumschleppte. (Den Hut, nicht den Knaben!)
Es mag wohl blöd sein, einen Hut in einer Plastiktüte durch L. A. zu tragen, doch wäre es unmöglich gewesen, ihn aufzusetzen, da jetzt, pünktlich zu unserer Abreise, das Wetter vollends auf Sommer geschaltet hatte. Na ja, immerhin war fast Sommeranfang; das bedeutete auch, daß in diesen Breiten (34°N) die Sonne nicht mehr allzu weit vom Zenit entfernt stand und um so höllischer auf uns niederknallte.
Moment mal! Beschwere ich mich gerade über gutes Wetter????
Unser Flieger erwartete uns erst am Abend, von daher hatten wir noch fast einen kompletten Tag totzuschlagen. Um uns nicht auf den letzten Drücker ins Ungewisse zu stürzen, blieben wir bei Altbewährtem und fuhren abermals nach Santa Monica. Dabei waren mehrere Aufgaben zu erledigen: Unbedingt noch mal den Chili-Hot Dog essen, endlich den als Mitbringsel gewünschten Comic finden, die übrigen Postkarten schreiben und die letzten zwei vollen Bierdosen loswerden!
Für die letzgenannte Aufgabe hatten wir uns auch schon eine Strategie überlegt: Am Vortag war uns auf dem Rückweg vom Busbahnhof ein Penner aufgefallen, der ziemlich teilnahmslos auf einer Bank saß. Wir steckten die zwei Dosen in unsere leere Pringelsdose und nahmen sie mit. Und tatsächlich; der Bursche saß immer noch auf seiner Bank, eingewickelt in eine Decke und praktisch regungslos. Ich stellte die Dose neben ihm auf die Bank und ging weiter, gespannt, was wir am Abend hier vorfinden würden...
Santa Monica bot strahlendes Wetter und reges Treiben. (Es war Samstag) Wir machten es uns auf einer Bank unter Palmen bequem, beobachteten Eichhörnchen, schrieben Postkarten und schauten aufs Meer hinaus. Dem Wunsch nach dem Chili-Hot Dog kam man nach, und am Nachmittag verloren wir uns in ein kleines Café, um einen Cappuccino zu trinken. Mitten in der Fußgängerzone gelegen, bot dieses Café nicht nur alle erdenklichen Arten von Getränken, sondern auch Livemusik in Form einer Frau mit Gitarre und eines Mannes mit Synthesizer, der unter die Gitarrenmusik alle möglichen Geräusche mischte - Meeresrauschen, Verkehrslärm etc. Auf diese Weise war es sehr schwer zu sagen, ob die ständigen Rückkopplungen zur Musik gehörten oder nicht.
Irgendwann waren Lust und Dollars ziemlich am Ende, und wir machten uns auf den Rückweg. Eigentlich waren wir viel zu früh dran, doch waren wir beseelt von der Angst, wir könnten irgendwie unseren Flieger verpassen, und nahmen den Bus zum LAX.
Der Penner saß tatsächlich noch immer genau so auf seiner Bank, wie er das schon morgens und am Vorabend getan hatte. Die Pringelsdose war jedoch zumindest unter die Bank gestellt worden, was gegen die Vermutung sprach, der Kamerad könnte schon vor längerem ablebig geworden sein. Ich frage mich aber bis heute, wie man mehr als zwanzig Stunden ununterbrochen auf so einer Bank verbringen kann; ich meine, was macht man da so rein stoffwechseltechnisch???
Wir kamen wieder am Hilton an, und es war immer noch viel zu früh. Eine gute Stunde verbrachten wir damit, in der Lobby zu sitzen und uns über eine Schulklasse aufzuregen, bevor wir schließlich unsere Koffer aus der Verwahrung holten und den Shuttlebus zum Flughafen nahmen. Nach dem Einchecken aßen wir ein wenig (schon wieder diese elend süße Brause!) und setzten uns in eine Wartehalle, während es draußen allmählich dunkel wurde.
Um halb neun schließlich ließ man uns durch den Zoll, und endlich passierte etwas: Der Metalldetektor schlug an! Zwar richtete man nicht gleich die Wumme auf mich, doch fand ich es schon ganz spannend, einige Dinge ablegen zu dürfen, um den Auslöser des Alarms herauszufinden. Die Uhr war es nicht, und auch die Ampulle in meinem Asthmamittel war offenbar unschuldig. Schon hoffte ich, mich einer Leibesvisitation unterziehen zu dürfen, da kam die Dame vom Zoll auf die rettende Idee: Wie wär's denn mit dem Hut?
Und tatsächlich: Zwei Ösen und ein Druckknopf waren die Übeltäter. Belustigt legte ich meinen Kram wieder an und schritt weiter in Richtung Flugzeug.
Die Plätze waren wirklich klasse! Wir hatten freie Sicht, und es sollte sich sofort nach dem Start herausstellen, daß sich das Reservieren gelohnt hatte!
Wir hoben gegen halb zehn ab. Die Startbahnen verlaufen in Ost-West-Richtung, und demnach flogen wir zunächst auf den Pazifik hinaus, drehten eine langgezogene Schleife linksherum und überflogen Los Angeles dann in nordöstlicher Richtung. Bereits beim Abheben war der Blick über den LAX schon faszinierend, doch als wir vom Meer aus einige dunkle Wolken vor der Stadt hängen sahen und schließlich ein unglaubliches Lichtermeer überflogen, klappte mir einfach nur der Kiefer runter. Unter uns lag ein Teppich aus Licht, eine hell erleuchtete 15-Millionen-Stadt, über die wir in zwei oder drei Kilometern Höhe hinwegflogen. Ich habe zumindest versucht, das ganze zu fotografieren, doch war der Flieger in ständiger Bewegung, und so habe ich leider kein einziges brauchbares Foto davon.
(Merken! Wenn Sie sowas auch mal machen, unbedingt einen hochempfindlichen Film mitnehmen!!!)
Quelle: 'Neue Horizonte: Kalifornien'
Irgendwann hielt man uns für satt (O. K., waren wir auch...) und drehte uns das Licht aus. Dank Zeitverschiebung dauerte die Nacht, in die wir flogen, nur drei oder vier Stunden, und deshalb durfte ich nicht mal die Fensterblende hochschieben, um mir den Nordatlantik anzuschauen. Schlafen war in dieser Kiste nicht so ohne weiteres möglich, auch wenn das Kissen und die British Airways World Traveller-Decke schon recht kuschelig waren. So vergingen einige Stunden, die ich zwischen Wachsein und Schlafen, zwischen Kreuzschmerzen und Wadenkrämpfen, zwischen der Rückenlehne des Vordermanns und den Füßen des Hintermanns, zwischen Servierwagen und Klo verbrachte, und die ich keineswegs genoß.
Zu der Zeit, die am Pazifik morgens gewesen wäre, servierte man uns Frühstück und befreite uns aus der Dunkelheit. In good old London war es aber bereits früher Nachmittag, und da unser Anschlußflug erst um 19:40 ging, durften wir abermals einige Stunden mit Warten verbringen, was auf diesem Flughafen nicht eben das Wahre ist, wenn man nichts zu essen hat und nicht mitbekommt, welches Fußballspiel gerade läuft. Zunächst jedoch ließen wir uns wieder mit dem Flughafenbus umherkarren, da ja die Ankunfts- und Abflugsteige Welten voneinander entfernt sind. Doch nicht genug damit, daß wir eine halbe Stunde mit Schlangestehen vor dem Bus verbrachten; zu allem Überfluß wartete hier mit uns eine Horde Österreicher, die sich ständig gegenseitig darin überboten, billige Scherze zu reißen und sich höllisch lustig zu finden. Nichts gegen Österreicher, aber diese hier hätten lieber zuhause bleiben sollen...
Im Abflugterminal ließen wir uns in einer Wartehalle nieder und hatten immer noch fast drei Stunden totzuschlagen.
Meine einzige Chance, nicht rammdösig zu werden, war der mitgebrachte Comic, aber die Bänke in der Wartehalle waren - natürlich - viel zu unbequem zum Lesen. - Wer weiß, vielleicht ist mein Hintern einfach nur falsch geformt; das würde dann auch den Hosenreinfall im Outlet Store erklären!
Um halb sieben ließ man uns dann endlich in die Maschine, einen feinen kleinen Airbus. Hier war das Personal wesentlich freundlicher als auf den langen Strecken, und wir bekamen eine deutsche Zeitung in die Hand, die verkündete 'Der Sommer kommt', was sich im Nachhinein aber als gelogen herausstellte.
Noch vor dem Abflug passierte aber etwas Doofes: Ein Passagier in der Sitzreihe gegenüber hatte seinen Golfschläger ins Gepäckfach gelegt und offensichtlich wenig Sorgfalt walten lassen, so daß sich bei einer Erschütterung das Fach öffnete und der Schläger dem Hintermann seines Besitzers auf die Omme segelte. Im Gegensatz zum Leidtragenden zeigte sich der Besitzer des Instruments aber kaum beeindruckt und las ungerührt weiter, was ihm wohl nicht allzu viele Sympathien einbrachte. Zum Glück handelte es sich nur um eine kleinere Platzwunde...
Der Flug nach Hannover ging so schnell vorbei, daß ich kaum Zeit hatte, aufzuessen. Draußen war wegen starker Bewölkung nicht viel zu sehen, und erst kurz vor dem Ziel erblickten wir erstmals wieder europäisches Festland. Es war gegen 21:50, als wir in Hannover aufsetzten. Überglücklich über die gelungene Ankunft auf heimatlichem Boden zückte ich Mutterns Kamera und fotografierte die Stewardess, die uns eigentlich bloß verabschieden wollte. Ich finde, der Gesichtsausdruck ist herrlich. Bloß, was meinte sie mit "For your collection?"
Aus dem Flugzeug zu steigen war wie gegen eine Wand zu laufen. Noch hatte die Zeitung nämlich recht, es war heiß und stickig in Deutschland! Wir gingen durch zum Zoll und schließlich zu unseren Koffern, die ordentlich auf sich warten ließen.
Jenseits der Glasscheibe hatten wir bereits unseren Nachbarn Fritz entdeckt, der uns abholte und auf dem Weg nach Lauenau von der mageren Leistung der deutschen Nationalmannschaft erzählte, die sich an jenem Abend ein dürftiges Unentschieden gegen Jugoslawien zurechtgestokelt hatte. Uns scherte das in diesem Moment wenig, wir waren auf jeden Fall froh, nach 25000 Kilometern Reise wohlbehalten nach Hause zu kommen und unser Haus heil vorzufinden.
Doch auch wenn ich es genossen hatte, in der weiten Welt herumzureisen; dieser Abend war es hundertmal wert, wiederzukommen.........
Die Route dieses Tages: